
Wenn Sandra Zegg an ihrer Töpferscheibe sitzt und ihrer Intuition freien Lauf lässt, dann ist sie vollkommen bei sich. Sie hat in ihrem Leben gefunden, wonach viele Menschen suchen: ihrer wahren Berufung nachzugehen. In ihrem Töpferstudio in Pfunds verwirklicht sie ihre Kreativität und bringt Steinzeug hervor, bei dem man ihre Hingabe in jedem einzelnen handgefertigten Stück spüren kann.
Sie selbst bezeichnet ihr Handwerk als „Hobby, das eskalierte“. Denn so richtig zum Töpfern fand Sandra Zegg aus Pfunds erst während der Pandemiezeiten. Ursprünglich wollte sie ihre kreative Ader als Goldschmiedin ausleben, doch diese Jobs waren in der Region rar gesät. Während ihrer Ausbildung an der HTL für Bildhauerei kam sie zwar erstmals mit Keramik in Berührung, doch der Funke wollte noch nicht so recht überspringen: „Die Ausbildung fokussierte sich mehr auf Statuen und Objekte, weniger auf das Töpfern mit der Scheibe“, erzählt die Tonkünstlerin.
Während der coronabedingten Lockdowns jedoch keimte etwas in ihr auf. Es war die anfängliche Langeweile, die ihre kreative Ader noch mehr aufblühen ließ, denn schon als Kleinkind war sie stets am Basteln und Werkeln: „Ich musste immer schon etwas mit meinen Händen machen“, erinnert sich die Oberländerin an ihre Kindergarten- und Schulzeiten. Um der Untätigkeit in Pandemiezeiten zu entgehen, hat ihr Lebensgefährte kurzerhand selbst eine Töpferscheibe gebaut und einen gebrauchten Brennofen aus einer Schule in Oberösterreich erstanden. Seit diesem Zeitpunkt war es um Sandra geschehen und ihre Reise in die Welt des Tons nahm ihren Anfang. „Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich das Gefühl, das Richtige für mich gefunden zu haben. Bis heute habe ich daran keine Sekunde gezweifelt“, sagt die Handwerkerin.
Stunde um Stunde verbrachte sie an der Töpferscheibe, vertiefte ihre Kenntnisse, übte und probierte alles Mögliche und Unmögliche aus. „Experimentieren ist meine Leidenschaft. Ich habe so viele Ideen in mir, die ich umsetzen möchte.“ Nur wenige Monate später fanden ihre Töpferwaren beim Drei-Länder-Markt reißenden Absatz, eine Bestätigung für Sandra, dass sie mit dem Töpfern auf dem richtigen Weg war und immer noch ist. Ihre Leidenschaft teilt sie regelmäßig auf Instagram (@ steinzeug.keramik), wo sie Einblicke in ihre tägliche Arbeit und wertvolle Tipps für Hobbytöpfer*innen gibt. Dabei ist es ihr eine Herzensangelegenheit, mehr Menschen zu einer Tätigkeit zu inspirieren, die aus ihrer Sicht mehr Ausgleich und Balance ins Leben bringt: „In unserem hektischen Alltag sehnen sich viele nach einer Auszeit. Unser Gehirn wird jedoch kreativer, wenn wir etwas tun, wenn wir mit unseren Händen arbeiten und Dinge ausprobieren. So kommt der Kopf automatisch in den Spielmodus, nicht perfekt, nicht geplant, sondern einfach pure Kreativität, die einen zentriert und in die eigene Mitte bringt.“
Gefühl und Fingerfertigkeit
Wenn sie mit dem Fußpedal die Töpferscheibe in Schwung bringt und mit ihren geschickten Händen aus einem Klumpen Ton Tassen, Schüsseln oder Vasen formt, ist Sandra Zegg zu hundert Prozent bei sich. So wie der Ton immer exakt in der Mitte der Scheibe platziert sein muss – damit die Gefäße nicht eiern –, so zentriert ist sie selbst, wenn der Ton durch ihre nassen Finger gleitet und schon durch kleinste Handbewegungen faszinierende Formgebungen entstehen. Je nach Tonstück kommen neben ihren feinfühligen und geschickten Händen auch Schwämmchen, Modellierhölzer oder Drehschienen zum Einsatz.
Während das Formen an der Töpferscheibe für Geübte in wenigen Minuten vollendet ist, braucht es für die Weiterverarbeitung Zeit. Denn die wohlgeformten Unikate müssen erst mal zum Trocknen für einen Tag ins Regal. Sobald sie „lederhart“ sind, werden sie beim sogenannten Abdrehen weiterverarbeitet. Dabei wird ihnen mit feinen Werkzeugen der Feinschliff verpasst. In diesem Zustand kommt auch Sandras malerisches Talent zum Einsatz: mit feinen Pinseln trägt sie geschickt die Farbmuster auf, im Fachjargon Engobe genannt. Dabei handelt es sich um eine farbige, flüssige Tonmineralmasse, die zum Dekorieren, Färben und Beschichten von Keramik verwendet wird. Im Anschluss heißt es für die Stücke ab in den Ofen für den ersten Schrühbrand. Bei diesem ersten Brand wird der Brennofen langsam auf rund 950 Grad erhitzt, damit keine Spannungen an den Tonstücken entstehen. Nach dem Abkühlen und Glasieren erfolgt der zweite, mit über 1.200 Grad um einiges höher temperierte Glasurbrand. Kommt auf den edlen Stücken von Sandra noch die Farbe Gold ins Spiel, wandern die Steinzeuge ein drittes Mal in den Ofen.
Von der Magie der Geduld
Es ist Geduld gefragt, bis aus einem Klumpen Ton gebrauchsfertige Töpferwaren entstehen. Inklusive aller Bearbeitungsschritte sowie Trocken-, Brand- und Abkühlzeiten dauert es zwei bis drei Wochen, bis Sandra ihre Kreationen an ihre Kund*innen weitergeben kann. „Mich lehrt das Töpfern Geduld. Und es ist eine magische Erfahrung, mit einem lebendigen Material kreativ zu arbeiten. Obwohl es simpel wirkt, ist das Töpfern eine komplexe Thematik mit allen vier Elementen: Die Erde als Ton, das Wasser zum Bearbeiten, das Feuer zum Brennen und die Luft zum Trocknen.“ Nur wenn alles perfekt aufeinander abgestimmt ist, entstehen Gefäße, die nicht nur optisch einzigartig, sondern dank Glasurbrand auch frostsicher, geschirrspülertauglich und dicht sind. Insbesondere bei Glasuren machen bereits geringe Temperaturunterschiede oder Brennzeitvarianten einen markanten Unterschied. „Dieses Experimentieren und Kreieren neuer Sachen ist meine absolute Leidenschaft“, sagt Sandra. Deshalb befindet sich auch bei Serienproduktionen stets ein neues Versuchsobjekt mit im Brennofen. Ihr kreatives Ausprobieren möchte sie auch in Zukunft auf jeden Fall beibehalten. „Genau das macht das Töpfern für mich so spannend und bringt mich dazu, an jeder neuen Herausforderung zu wachsen und immer wieder neue Ziele zu erreichen.“ Diese Liebe zu ihrem Handwerk ist in jedem einzelnen Produkt spürbar. Vielleicht ist es diese Magie, die Sandra beim Töpfern empfindet, die sich auf all ihre liebevoll hergestellten Produkte überträgt.
Diese Magie möchte sie auch in ihren Töpferkursen vermitteln. Dabei zentrieren die Teilnehmer*innen nach einer kurzen Demonstration den Ton selbst und dürfen diese magische Erfahrung machen, den Ton mit ihren eigenen Händen zu bearbeiten und zu formen. „Man gewinnt etwas Einzigartiges im Leben, wenn man selbst etwas schaffen kann, nämlich Freude und Erfüllung“, ist die leidenschaftliche Töpferin überzeugt.
Text: Doris Helweg

