#
Life

Bodenloses Bauen

17.5.2026

Architektur ist niemals unpolitisch. Gerade in Österreich, wo Zersiedelung und „Kirchturmdenken“ Gemeinden finanziell wie ökologisch unter Druck setzen, wird die gebaute Umwelt zum entscheidenden Faktor. Daniel Fügenschuh, Architekt und Präsident des Architects’ Council of Europe (ACE) sowie Präsident der Bundeskammer der Ziviltechniker*innen in Österreich, plädiert für ein Umdenken: weg vom Flächenfraß, hin zum Bauen im Bestand. Fügenschuh spricht über die Grenzen der Einfamilienhaus-Idylle, das Ziel einer Netto-Null beim Bodenverbrauch und warum Schönheit am Ende auch eine Frage der Nachhaltigkeit ist.

eco.nova: Architektur gestaltet unsere Lebensrealität und unsere gebaute Umwelt. Ist Architektur politisch? Daniel Fügenschuh: Architektur hat gesellschaftspolitische Auswirkungen, sogar wenn sie selbst unpolitisch ist. In unserer Berufsgruppe gibt es unterschiedliche Sichtweisen. Manche wollen durch ihre Architektur explizit auch politisch wirken, andere weniger. Die Gestaltung der gebauten Umwelt beeinflusst in jedem Fall das Zusammenleben – besonders deutlich zeigt sich das im Wohnbau.

Welcher Sichtweise hängen Sie an? Soll sich in der Architektur – die vielfältigen gesellschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit vor Augen – auch ein politischer Gestaltungswille zum Ausdruck bringen? Auf jeden Fall. Deshalb nehme ich auch diese Doppelfunktion ein, einerseits als Architekt, andererseits in der Vertretung der Architektenschaft und Vermittlung der Baukultur. Die Architektur ist Moden unterworfen. Um die Jahrtausendwende haben wir gesehen, dass Themen, die uns in der Architektur eigentlich schon länger bewusst waren – Nachhaltigkeit, ressourcenschonendes Bauen – ignoriert wurden und es zu einem Wiederaufflammen der von Stararchitekt*innen entworfenen Ikonen gekommen ist. Das war ein Versuch, die Realität auszublenden. Sie trifft uns heute – mit dem Klimawandel, zunehmenden Starkregenereignissen und dergleichen – doppelt so hart. Unsere Abhängigkeit von fossilen Energiequellen und damit auch von autoritären Regimen ist uns eigentlich seit der ersten Ölkrise der 1970er-Jahre bewusst. Hätten wir stetig und konstant gegengesteuert, hätten wir uns schon längst aus dieser Abhängigkeit befreien können. Es wird aber immer absurder.

Hat man mittlerweile diese ikonische Stararchitektur, die ein Feigenblatt gewesen ist, hinter sich gelassen? Mehrheitlich ja. Es gibt heute nicht nur unter den Architekt*innen, sondern auch in der Bevölkerung eine gesteigerte Sensibilität dafür, dass es ein „Weiter wie bisher“ nicht geben kann. Ein Beispiel: Im schweizerischen Engadin hat man bereits in den 1970er-Jahren enge Siedlungsgrenzen in den Dörfern definiert. Heute, 50 Jahre später, sieht man den Unterschied. Bei uns sind die Dörfer unter enormem Flächenfraß teilweise zusammengewachsen.

Zusammengewachsen und zugleich ausgefranst. Ja. Zersiedelung führt zu Infrastrukturen, die in der Errichtung und auch Erhaltung sehr teuer sind. Die Gemeinden sind mit der Finanzierung ihrer Aufgaben zunehmend überfordert. Das ist auch ein Resultat dieser ungezügelten Siedlungspolitik.

Bodenverbrauch ist für Gemeinden finanziell lukrativ, gerade wenn es um die Ausweisung neuer Gewerbegebiete geht. Braucht es eine andere Anreizstruktur? Absolut. Das ist auch jedem bewusst. Wenn die Spielregeln so sind, dass man Nachteile davon hat, wenn man nicht mitmacht, dann ist völlig klar, dass es Änderungen braucht. Die Versuchung ist aber gerade für Bürgermeister*innen und Gemeinderät*innen groß, den vermeintlich einfachen Weg zu gehen – und Flächen zu verbauen, obwohl man im Bestand Möglichkeiten hätte.

Die Raumordnung belohnt Kirchturmdenken. Ist die Flächenwidmungskompetenz bei den Gemeinden denn gut aufgehoben? Das ist immer die Streitfrage. In Österreich gibt es auf Bundesebene nicht einmal ein Raumordnungsgesetz. Da fragt man sich, wie so etwas sein kann. Länderübergreifend sind die Probleme und Herausforderungen dieselben. Der Raum ändert sich nicht.

Die Argumentation, dass es unterschiedliche Raumordnungsgesetze braucht, ist aber gerade das Gegenteil: Der flache Osten unterscheidet sich so stark vom gebirgigen Westen, dass es Unterschiede brauche, behauptet die Politik. Es gäbe die Möglichkeit, ein Rahmengesetz zu schaffen. Die Berge hören ja nicht in Tirol auf, es gibt sie auch in anderen Bundesländern. Mit der Bundeskammer haben wir ein EU-gefördertes Projekt – BrokeringSpaces – initiiert, das sich gerade damit befasst. Es geht darum, Lösungen zu finden, wie man vorhandene Flächen effizienter nutzen kann, ohne immer mehr Boden zu versiegeln. Wir sehen uns dazu im Alpenraum unterschiedliche Best Practices an und versuchen, ihnen zu breiterer Anwendung zu verhelfen, damit man sich nicht immer nur auf den kleinsten gemeinsamen Nenner verständigt. Es gibt immer unterschiedliche und teilweise widerstreitende Interessen, zwischen denen vermittelt werden muss: Ernährungssicherheit, Wohnbau, kommerzielle Interessen. Früher wurden in Tirol, das nur wenig Dauersiedlungsraum hat, unter dem Druck von Naturgefahren die Siedlungsgebiete bewusst sehr kompakt gehalten. Diese Grundeinstellung ist komplett verloren gegangen.

Der Bodenverbrauch in Österreich und auch in Tirol ist noch immer nicht nachhaltig. Steht dahinter ein planerisches oder politisches Versagen? Die Systemgewinner wollen natürlich nicht freiwillig auf ihre Profite verzichten. Es braucht eine gesamthafte Betrachtung des Systems, die über Einzelinteressen hinausreicht und alle Stakeholder einbezieht. Es gab in einem früheren Regierungsprogramm ein 2,5-ha-Ziel, das zahnlos geblieben ist und konsequent verfehlt wurde. Eigentliches Ziel muss die Netto-Null sein. Das heißt nicht, dass nicht mehr gebaut werden kann, sondern dass Bauführungen ohne zusätzlichen Bodenverbrauch erfolgen und bisher schlecht genutzte Flächen besser ausgenutzt werden sollen. Dann gehören diese ganzen Phänomene, die jeder täglich spürt, der Vergangenheit an: Der Speckgürtel um die Ballungsräume herum mit drei Discountern, einem Kreisverkehr und üppigen Parkflächen – extrem viel Fläche, extrem wenig Dichte, extrem wenig Qualität.

Mit der Debatte um die Netto-Null geht auch das Bauen im Bestand, die Um-, Nach- und Neunutzung von Bestandsimmobilien einher. Welche Potenziale sehen Sie darin? Das ist unabhängig vom Maßstab ganz wichtig. Beim Einfamilienhaus, das durch Zubau oder Aufstockung zum Mehrgenerationenhaus wird, beim Zusammenbauen ohne Schüchternheitsabstand rund um die Häuser genauso wie im städtischen Bereich, zum Beispiel in der Nachnutzung früherer Gewerbebauten. Da gibt es sehr viele spannende Ansätze, die beweisen, dass nicht die grüne Wiese, sondern bestehende Siedlungsstrukturen die beste Ressource sind, die wir haben. Da kommt der Begriff des Urban Mining ins Spiel, der die Stadt als Mine begreift, in der Materialien und ganze Bauteile wiederverwendet werden können. Da tut sich momentan sehr viel.

Wir haben gerade den Begriff der Polykrise gelernt. Bislang war Urban Mining und Kreislaufwirtschaft eher etwas für Enthusiasten, weil es wirtschaftlich wenig interessant gewesen ist. Das könnte sich schon bald fundamental ändern. Richtig. Es ist eine komplette Fehleinschätzung, dass das eine Frage der Ideologie ist. Das ist keine grüne Spinnerei, wie es oft heißt. Wenn wir weiterhin fossile Technologien querfinanzieren, lügen wir uns selbst in die Tasche. China macht es uns gerade vor. Europa verliert weiter an Wettbewerbsfähigkeit, wenn wir nicht auf nachhaltige Technologien und erneuerbare Energien setzen.

Der Neubau auf der grünen Wiese ist vielfach für den Bauherrn noch immer günstiger als das Bauen im Bestand. Warum ist das so und was muss geschehen, damit das nicht mehr so ist und das Bauen im Bestand auch die ökonomisch bessere Variante wird? Da stimmt die Kostenwahrheit nicht. Mittlerweile haben auch viele Häuslbauer*innen realisiert, dass sie langfristig besser dran sind, wenn sie gegebene Strukturen sinnvoll weiterentwickeln – mit den Eltern, mit Freund*innen. Im ersten Moment ist das aufwändiger, aber von der Qualität und Flexibilität, die man dadurch schafft, profitieren noch nachfolgende Generationen. Ein Einfamilienhaus ist schwer zu erhalten, wenn die Kinder erst einmal ausgezogen sind und die Elterngeneration älter wird. Monofunktionale Überlegungen mögen auf den ersten Blick schneller umsetzbar und billiger sein, sind aber kurzsichtig.

In Österreich hält die Romantisierung des Einfamilienhauses auf der grünen Wiese an. Ist dieses Lebensmodell noch zukunftsfähig oder ist die Gesellschaft gut beraten, sich davon zu verabschieden? Ganz wird man sich davon nicht verabschieden müssen. Die Idylle ist jedoch ein Zerrbild. Die meisten Einfamilienhäuser stehen nicht allein in der Landschaft, den Wald haben sie nicht hinter dem Haus. Tatsächlich wohnt man auf einem Teppich von Einfamilienhäusern, der sehr unattraktiv werden kann. Dort kann man sogar vereinsamen, weil die Menschen sich in diesen Siedlungen kaum mehr begegnen und zugleich die Ortskerne entsiedelt werden. Dadurch erodiert auch die Solidarität. Jeder räumt sich selbst höchste Priorität ein: als Fußgänger*in, als Radfahrer*in oder Autofahrer*in. Der gesellschaftliche Austausch funktioniert nicht mehr, wenn man nur noch von einer Garage in die andere fährt und in einer Kapsel lebt.

Nachverdichtung gilt als Schlüssel gegen Bodenverbrauch, stößt aber oft auf Widerstand. Wie kann die Architektur kommunikativ Qualität vermitteln, wenn das Wort „Dichte“ gedanklich sofort Assoziationen mit der Betonwüste hervorruft? Architekt*innen sind nur zu einem geringen Prozentsatz beauftragt. Vieles wird einfach in den Siedlungsraum hineingeklotzt. Empfehlungen vonseiten der Architekt*innen gäbe es genug, wie qualitätsvoll Dichte hergestellt werden kann. Dafür müssen aber alle Beteiligten – Bauherren genauso wie die Politik – mitmachen. Ein Beispiel: Oberhofen hat es mit dem Rimml-Areal geschafft, ein Bewusstsein zu schaffen, dass drei Bestandsgebäude im Ortsgebiet nicht abbruchreif sind, sondern einen Wert haben und man bei guter Umnutzung sehr viel daraus gewinnen kann. Ich hoffe, dass Projekte wie dieses Vorbildwirkung haben.

Hand aufs Herz: Planen Sie und Ihre Kolleg*innen nicht lieber auf einem leeren Blatt Papier einen Neubau als sich mit dem Klein-Klein eines Umbaus zu befassen? Das hängt sehr stark von der Bauherrschaft ab. Hat man eine gute Allianz und ein entsprechendes Bewusstsein, ist das Planen im Bestand noch viel spannender als ein Neubau. Papier ist sehr geduldig, ob ein Neubau auf der grünen Wiese tatsächlich Qualität hat, zeigt sich erst viele Jahre später.

Sind die Architekt*innen in ihrer Ausbildung darauf vorbereitet, dass das Bauen im Bestand größere Bedeutung bekommt? Da ist gerade sehr vieles in Bewegung. Die Universitäten sind sehr engagiert, Studierende zeigen, dass es ihnen ein Anliegen ist, in diese Richtung zu forschen. Das Spannende an unserem Beruf ist, dass wir vorangehen und – vielleicht anders als in der Vergangenheit – Teil der Lösung sind, nicht des Problems.

Welche Rolle spielt Schönheit im heutigen Architekturdiskurs? Sollte Architektur auch „schön“ sein? Schönheit ist ein zentraler Bestandteil der Architektur, wird aber heutzutage oft vernachlässigt, weil der Fokus vor allem auf Profit, Wärmedämmwerten und Effizienzkennzahlen liegt. Je schöner ein Gebäude angesehen wird, desto länger bleibt es erhalten. In schönen Gebäuden, schönen Wohnräumen, schönen Ortskernen, da halten sich die Menschen gerne auf. Der Schönheitsbegriff beschränkt sich dabei nicht nur auf das Äußere, die Gestaltung der Fassade, sondern ist viel umfassender. Schöne Architektur hält länger. Schönheit ist insofern nachhaltig.

Als Präsident der Europäischen Architektinnen und Architekten (ACE) vertreten Sie die Anliegen rund einer halben Million Architekt*innen in Europa. Steht Ihre Zunft überall vor denselben Herausforderungen oder sind sie länderspezifisch ganz unterschiedlich? All diese Themen treten in ganz Europa auf, wenn auch in unterschiedlicher Ausprägung. Häufig ist jedoch nicht die EU zuständig, sondern die Verantwortung liegt auf nationaler Ebene oder bei Bundesländern, Regionen und Gemeinden. Der schwarze Peter wird dennoch oft nach Brüssel geschoben, wenn etwas nicht funktioniert. Es gibt aber auch Impulse innerhalb der EU – dazu zählen beispielsweise das Renaturierungsgesetz und die EU-Gebäuderichtlinie. Es gibt außerdem eine Initiative, leistbaren Wohnraum zu schaffen, sowie geplante Neuerungen im Vergaberecht. Für uns Architekt*innen ist das besonders relevant, weil es darum geht, weg vom Billigst- hin zum Bestbieterangebot zu gehen. Das ist insofern eine richtige Entwicklung, als sich herausgestellt hat, dass nicht das billigste, sondern das beste Projekt langfristig auch am billigsten ist.

Was betrachten Sie gegenwärtig als größte Herausforderungen für Ihren Berufsstand? Die Architektur wird sich wandeln – und zugleich immer wichtig bleiben. Die Qualität der gebauten Umwelt ist für das Gemeinwohl essenziell, und die gemeinsamen Herausforderungen – etwa durch die Klimakrise – werden wir nur miteinander bewältigen können. Um die Berufsgruppe mache ich mir keine großen Sorgen, sie hat auch in der Vergangenheit alle Umbrüche überstanden. Die kleinmaßstäblichen Büros, die bei uns überwiegen, sind flexibel. Es gibt aber auch technologische Brüche, die uns bedrohen, vor allem durch die Künstliche Intelligenz. Das Berufsbild wird sich dadurch verschieben. Einerseits ist KI als Tool spannend, andererseits wird sie einen Strukturwandel auslösen. Wir wissen aber noch nicht genau, wohin die Reise gehen wird.

Was kann Architektur beitragen, um die Klimakrise zu bewältigen? Der Klimawandel lässt sich nicht aufhalten, wir können nur versuchen, mit seinen Folgen umzugehen. Siedlungsräume geraten zunehmend unter Druck, vor allem durch Starkregenereignisse, Überschwemmungen und Muren. Das hat Auswirkungen darauf, wie wir zukünftig planen und bauen. Durch nachhaltige architektonische Lösungen, den Einsatz von erneuerbaren Energien und intelligente Siedlungs- bzw. Stadtplanung, bei der man nicht unbedingt auf das Auto angewiesen ist, versucht die Architektur, die Folgen abzumildern. Das sind die Dinge, die Architektur massiv angehen muss. In Europa verstehen wir es, integriert zu denken. Diese Stärke müssen wir ausspielen.


Interview & Fotos: Marian Kröll

Um diesen Beitrag weiter zu lesen,
bestellen Sie bitte die aktuelle Printausgabe.

Ausgabe kaufen
Mehr erfahren
news.
letter

Newsletter

Mit dem kostenlosen Newsletter keine spannenden Beiträge mehr verpassen!
Pünktlich zum Erscheinen jeder Ausgabe gibt's vier Artikel in voller Länge.
Jetzt ANmelden
alle.
ausgaben
Mehr erfahren
Spezial: Architektur & Lifestyle Mai 2026
05/2026

Spezial: Architektur & Lifestyle Mai 2026

Jetzt bestellen
Online lesen
Wirtschaftsausgabe April 2026
04/2026

Wirtschaftsausgabe April 2026

Jetzt bestellen
Online lesen
Spezial: Lifestyle März 2026
03/2026

Spezial: Lifestyle März 2026

Jetzt bestellen
Online lesen
Wirtschaftsausgabe Februar 2026
02/2026

Wirtschaftsausgabe Februar 2026

Jetzt bestellen
Online lesen
Mehr erfahren
Gebaut von Momentum Brand & Product 🧡💛💚
schließen