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Life

Kunst statt Diplomatie

17.5.2026

Die gebürtige Innsbrucker Künstlerin Jana Pressler untersucht, wie soziale und institutionelle Strukturen sich in Räumen, Objekten und Bildern festsetzen. Für ihre Ausstellung in der Galerie Plattform 6020 hat sie die Glasfassade des Pema-2-Gebäudes in den Blick genommen.

Fensterglas ist grün“, erklärt Jana Pressler. Bei dünnen Scheiben fällt das kaum auf, „wenn es dicker ist, sieht man es besser. Es gibt auch Weißglas, wo man die komplette Verleugnung der eigenen Materialität versucht, um eben diesen Grünstich da rauszunehmen. Das ist natürlich dann viel teurer, weil es aufwändiger produziert ist.“ Pressler beschäftigt sich in ihrer Kunst mit der Wahrnehmung: „Wie sieht man Dinge, warum sieht man die so? Und wie sind diese Blickverhältnisse vermittelt, etwa durch einen Fensterrahmen oder durch eine Färbung?“

Das Fensterglas des Pema-2-Gebäudes in der Nähe des Sillparks hat einen leicht bläulichen Ton und bildet scheibenförmig den etwa 50 Meter hohen Turm, der sich mit seiner markanten Fassade aus dem übrigen Stadtbild hervorhebt. Aus allen Blickrichtungen spiegeln sich der Himmel und die Wolken mitsamt der Umgebung. Diese Spiegelung des Panoramas wird mit dem Raum mitgekauft, genauso wie die Aussicht auf die Berge als Konsumobjekt in die Preisfrage miteinfließt. „In Hochhäusern gab es seit der Moderne diese Idee, dass man von einem Glasturm von oben auf etwas herunterblickt. Diese soziale Kontrolle, die in der Idee der Architektur liegt, war, dass man durch transparente Gebäude transparente Institutionen schafft, dass man theoretisch durchblicken könnte, was drinnen in so einem Haus passiert. Wenn man ganz oben steht, dann schaut keiner zurück und erwidert niemand den Blick.“ Heute symbolisieren verglaste Hochhäuser oft Immobilienspekulationen und Machtungleichgewichte im urbanen Raum. „Oft sind Bürogebäude aus Glas. Apple Stores verwenden zum Beispiel dieses Ultra-Clear-Glas, das selbst keine Färbung hat. Diese Präsenz von Glas ist also durchaus mit High-Class oder etwas Hochwertigem und Business verbunden.“ Das Glas habe jedoch auch Grenzen. „Man denkt, man kann dahin oder man kann durchschauen, und das suggeriert eine Zugänglichkeit, die im Endeffekt nicht gegeben ist, weil es trotzdem eine Wand ist“, sagt Pressler.

Fassaden als Handelsware

Über eineinhalb Jahre lang hat sich die 1997 in Innsbruck geborene Künstlerin intensiv mit genau dem Gebäude beschäftigt, in dem ganz unten die Stadtbibliothek mit der Galerie Plattform 6020 liegt, in der die Kunststudentin ihre erste Ausstellung in ihrer Heimatstadt zeigt, „weil es ja auch auf der Hand liegt, mal zu schauen, in welchem Kontext diese neue Galerie passiert“.

Presslers Kunst basiert auf einer tiefgehenden wissenschaftlichen Auseinandersetzung und stellt Fragen, wie wirtschaftliche, soziale und institutionelle Systeme sich in Räumen, Dingen und Bildern verankern. In der Ausstellung „Boundary Object“ ist es die gläserne Oberfläche der Fassade, die sie in den Blick nimmt, um die Immobilien- und Investitionslogik dahinter sichtbar zu machen. Als „Boundary Object“ (deutsch: Grenzobjekt) wird in der Soziologie etwas bezeichnet, das von unterschiedlichen Gruppen gemeinsam genutzt wird, auch wenn diese Gruppen dabei andere Einstellungen und Interessen verfolgen. Das kann ein Bild sein, ein Display oder auch eine architektonische Struktur: Wie im Fall des Pema 2, das nicht nur zum Ort, sondern auch zum Thema von Presslers Kunstinstallation wurde. Die Künstlerin geht von der Oberfläche des Gebäudes aus, thematisiert die problematische Wohnungspolitik in der Stadt und spielt mit der Wirkung, diese optisch verzerrt wirkenden Raster auf eine andere Weise darzustellen. „Ich hab online über das Haus recherchiert und mit der Architektin Kathrin Aste gesprochen. Ich bin oft herumgegangen und hab das Gebäude fotografiert, weil es eine Art ist, sich dem anzunähern. Dann hat sich einmal ein Fenster geöffnet und ich hab mir gedacht, krass, da wohnt wirklich jemand. Das Gebäude ist schön exemplarisch, weil im Sockel quasi das öffentliche Geld ist, die öffentliche Hand und oben sind die Privatinteressen im Turm.“

Ihre Kunst hat oft einen kritischen Hintergrund, doch das zeigt sich nur subtil. Schon in der Schule war Jana Presssler bei der Aktion kritischer Schüler*innen, wie sie erzählt. Sie interessiert sich für die strukturellen Faktoren, die auf das Umfeld und die Gesellschaft einwirken. „Das kann man in der Kunst natürlich machen, aber es ist kein Aktivismus. Mich interessiert schon auch das Objekt sehr und die Medienspezifik.“

Vor über zehn Jahren ist Jana Pressler von Innsbruck weggezogen. In Passau studierte sie Staatswissenschaften mit Schwerpunkt auf Politikwissenschaft und Soziologie. Sie wollte Diplomatin werden und war für ein Praktikum in der österreichischen Mission der UNO in New York. Doch das war in einem vorherigen Kapitel ihres Lebens, wie sie sagt, denn anstatt ihren Master zu machen ging sie nach Wien und besuchte dort die Schule Friedel-Kubelka für Fotografie. „Man könnte sagen, ich bin da so reingerutscht über die Fotografie. Dann habe ich mir gedacht, ich versuche es jetzt. Ich bin noch jung, ich werde eh nicht aufgenommen. Und dann wurde ich aufgenommen.“

Pressler studierte an der Königlich Dänischen Kunstakademie und an der Universität der Künste Berlin, seit 2020 waren ihre Arbeiten in zahlreichen Ausstellungen unter anderem in Wien, Berlin, Bern und Kopenhagen zu sehen, im vergangenen Februar 2026 wurde sie mit dem Berliner IBB-Preis für Photographie ausgezeichnet.

Wahrnehmung von Zeit und Raum

In ihren künstlerischen Arbeiten erforscht Pressler die Beziehung zwischen Raum und Fläche oder Bild und Räumlichkeit. In der Lichtinstallation „The Longer I Wait“ untersucht sie die Dauer eines Moments und die Wahrnehmung von Zeit. „Die Frage war, wie lang ist ein Moment.“ Auf der Architekturbiennale 2025 in Kopenhagen hat sie eine Glasfassade mit einem Smart-Film beklebt, der sich elektrisch an- und ausschalten lässt, wodurch die Fassade beliebig durchsichtig und undurchsichtig gemacht werden kann. Manche von Presslers Werken sind auch politisch motiviert, etwa ihre Bronzegüsse vom Innenraum von Sparschweinen, die auf dem Boden stehen. „Da geht es um den Gedanken, dass das Schwein in der Menschheitsgeschichte vor der Industriellen Revolution eine Art Arbeitslosenversicherung war. Wenn die Leute ihre Arbeit verloren haben, konnten sie noch das Schwein essen“, erklärt Pressler. In einer anderen Arbeit hat sie Instrumente, die sie in der Dunkelkammer verwendet, in Gips geformt und fotografiert. „Im Kontakt des Lichts mit dem Material entsteht auch immer ein Verlust, weil man etwas repräsentiert, was dann nicht wirklich da ist. Man hat das Bild, aber nicht das Wirkliche.“ In der Fotografie werde etwas dargestellt, was hinter dem Foto liegt: „Man schaut ja selten die Oberfläche des Fotos an. Und bei einem Fenster schaut man auch nicht das Glas an, sondern man schaut durch das Fenster.“ In einer ähnlichen Weise gäbe es auch bei der Architektur „diese sozialen Verflechtungen, die Architektur mit sich bringt, ob sie will oder nicht“.

Hochhäuser als Grenzobjekte

Die für die Ausstellung „Boundary Object“ entworfenen Häuser kann man innerhalb von ein paar Sekunden umrunden, sie stehen aufrecht auf Rollen und bestehen aus verschiedenen Modellen von ausrangierten Postkartenständern, die neu angeordnet und mit kleinen Glasplatten befüllt zu Hochhausskulpturen weiterentwickelt wurden. Manche dieser insgesamt 20 künstlichen Türme erinnern optisch tatsächlich an die auffällige Glasfassade des Pema-2-Gebäudes, die gebogen und asymmetrisch wirkt und deren Fenster so ins panelartige Gesamtbild der gestapelten Ebenen integriert sind, dass sie nicht als einzelne Elemente sichtbar sind. Einige haben sogar eine ähnlich bläuliche Oberfläche, Presslers Türme sind jedoch heller und dunkler, grau, grün, durchsichtig oder fensterlos. Mit den braunen Glasflächen ruft Pressler Gebäude in Erinnerung, „die aus einer gewissen Zeit kommen, wie der Palast der Republik, den es ja nicht mehr gibt“. Und auch vom MetLife-Gebäude an der Park Avenue in New York habe sich die Künstlerin inspirieren lassen. Manche ihrer „Tower“ sind nur in der Kombination mit den anderen als Häuser erkennbar, „das ist auch okay, weil in der Gruppe hebt sich das dann wieder auf und man kann schon den Gedanken sehen“.


Text: Sieglinde Wöhrer
Fotos: Kilian Duvy-Baujard, Jana Pressler

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