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Wirtschaft

Waldkraft

4.4.2025

Hannes Ladstätter aus dem Osttiroler St. Jakob im Defereggental ist seit Jahrzehnten in der Forstwirtschaft tätig. Mit seinem Vater und den sechs jüngeren Brüdern hat er Anfang der 1990er-Jahre ein Forstunternehmen – die Gebrüder Ladstätter KEG – gegründet und geführt. Der Teamgeist, Zusammenhalt und das Zusammenwirken der unterschiedlichen Talente der Brüder ist die große Stärke des Familienbetriebs. Seit vier Jahren ist Hannes Ladstätter im Ruhestand. Theoretisch zumindest.

Ladstätters leidenschaftliche Arbeit im Forst ist nicht hauptsächlich einer Liebe zur Natur entsprungen, sondern seiner Faszination für Seilbahnanlagen. „Ab meinem fünften Lebensjahr habe ich am elterlichen Bauernhof bei Forstarbeiten die Seilwinde betätigt und so eine erwachsene Arbeitskraft ersetzt“, erinnert er sich. Schon sein Vater sei ein „Holzwurm“ gewesen, sagt er. Eines Tages sieht Ladstätter, damals Gymnasiast, im Fernsehen eine Dokumentation der Arbeiten an der Kraftwerksgruppe Kaprun, die ihn vor allem deshalb nicht mehr loslässt, weil ein großer Teil der Baustellenlogistik mit Materialseilbahnen bewerkstelligt wird. „Ich wusste in diesem Moment, dass ich das auch einmal machen will.“ Es trifft sich also gut, dass zu jener Zeit die Pläne für das Dorfertal-Kraftwerk bei Kals herangereift sind. „Es war mein Berufsziel, dort einmal als Betriebsingenieur zu arbeiten.“ Ladstätter ging nach Wien, um an der Technischen Universität Maschinenbau und Verkehrstechnik zu studieren. Als die Pläne für das Kraftwerk am Widerstand der Ökologiebewegung scheitern, löst sich auch Hannes Ladstätters beruflicher Traum in Luft auf. Er hört mit seinem Studium auf, aus der Großstadt zieht es ihn zurück in die vertraute Heimat. „Mein Lieblingsplatz in Wien war der Südbahnhof, wo ich immer in den Zug nach Hause eingestiegen bin.“ Das Kapitel Hochschule war damit geschlossen, das der technischen Innovationen schlägt der findige Deferegger einige Jahre später auf.

Es geht bergab!

Die gemeinsam mit dem Vater und seinen Brüdern getätigte Anschaffung eines sogenannten Kippmastgeräts 1990 stellt gewissermaßen den Auftakt zu Ladstätters Tüftelei an forstlichen Seilkrananlagen dar. „Wir haben hier mit der Ganzbaummethode begonnen. Das ist heute in der Holzernte Standard“, erinnert er sich. Dabei werden ganze Baumstämme nach Entfernen der Äste mittels Seilkrananlage in der Regel zum nächstgelegenen Forstweg transportiert. Meistens erfolgt dieser Transport auch heute noch bergauf. Das ist, wenn man den öffentlich subventionierten Bau von Forstwegen in der Kalkulation außen vor lässt, billiger. Damit wollten sich die Gebrüder Ladstätter aber von Beginn an nicht zufriedengeben. „Wir haben fast nur bergab geliefert. Die Bergabbringung ist etwas aufwändiger und es braucht dafür ein bisschen Know-how“, sagt Hannes Ladstätter. So kann jedoch auch schwieriges Gelände durchforstet werden, das nicht vorher durch einen in Bau und Erhaltung teuren Forstweg erschlossen werden muss. Wenn schwierige forstliche Aufgabenstellungen anstanden, wandte man sich an die Gebrüder Ladstätter. Früher wurden die Bäume beim Transport nur an einem Punkt am Seilwagen fixiert und durchs Gelände geschleift. Dabei hat das Holz oft Schaden genommen. „Das hat mich sehr gestört“, so Ladstätter. Doch es gibt eine Lösung für dieses Problem: der Hubwindenlaufwagen. Auf Basis dieses Systems entwickelt Hannes Ladstätter 2006 auch sein erstes Patent, nämlich das Doppelhubwindenlaufwagen-System. „Ich habe einen solchen Hubwindenlaufwagen mit einem zweiten Wagen, einem Nachläufer, kombiniert. Dadurch können die Bäume als Ganzes angehoben und transportiert werden“, erklärt der Erfinder. Durch die Flexibilität dieses Systems ist es egal, wie der Baum im Wald nach dem Fällen zum Liegen kommt. Das entsprechende Patent verkaufte Hannes Ladstätter 2007 an den Südtiroler Materialseilbahnspezialisten SEIK.

Energie speichern statt vernichten

Beim Transport der schweren Bäume via Hubwindenlaufwagen geht viel kinetische Energie bzw. Rotationsenergie ungenutzt verloren. Hannes Ladstätter wollte nicht länger zusehen, wie bei der Waldarbeit tagein, tagaus Energie vernichtet wird. Also suchte er nach einer Möglichkeit, diese Energie effizient in elektrischen Strom umzuwandeln. Die ersten diesbezüglichen Anstrengungen sind an einer noch zu wenig ausgereiften Akkutechnologie gescheitert. „Es gab zunächst nur Lösungen auf Kondensatorbasis, bei denen mit dem Ladestand des Akkus der Widerstand zugenommen hat. Das hat zu viel Schlupf verursacht“, erklärt Ladstätter. Die zündende Idee kommt ihm in der Praxis, beim Trassieren einer neuen Route für den Seilkran. Normalerweise wird das sogenannte Umlaufseil, das den Wagen entlang der Trasse zieht, eigens und in einiger Entfernung zum Tragseil geführt. Das verursacht zusätzlichen Aufwand. „Wir haben deshalb versucht, mit dem Umlaufseil direkt in der Trasse zu fahren.“ Das ist gelungen. Eines Tages, beim Beobachten einer schnellen Bergauffahrt des Laufwagens, kommt dann der entscheidende Heureka-Moment: Eine Parabolscheibe, über die das Zugseil geführt wird, das den am Tragseil hängenden Laufwagen zieht. An diese wird ein Generator angeschlossen, der bei jeder Fahrbewegung den Akku im Laufwagen lädt. Die Energiedichte der Akkus ist mittlerweile so groß geworden, dass sich die Vision verwirklichen lässt. „Mir ist dabei sicher der Boom der Elektromobilität zugutegekommen. Und ein völliger Zufall“, sagt Hannes Ladstätter.

Vor einigen Jahren kommt er auf einer Messe in Innsbruck mit Mattro-Gründer und Ziesel-Erfinder Alois Bauer ins Gespräch, der seit 2006 auf die elektrische Fahrzeugentwicklung, Akkutechnologie sowie die Elektrifizierung mobiler Arbeitsmaschinen spezialisiert ist. Ein zufälliges Aufeinandertreffen zweier findiger Köpfe, die einander viel zu sagen hatten. „Er hatte genau die passende Lösung für mein Akkuproblem parat. Für mich war das wie Weihnachten und Ostern zusammen“, sagt Ladstätter. Bei Mattro wurde dementsprechend auch der erste Prototyp dieses Laufwagens, den Hannes Ladstätter Ladelifter getauft hat, gefertigt. Mittlerweile ist das System, bestehend aus Ladelifter und akkubetriebener Zugwinde, als weltweit erste rein batterieelektrische forstliche Seilkrananlage, die unabhängig von fossilen Energieträgern und emissionsfrei arbeitet, patentiert.

Grundsätzlich wäre das Kraftwerk im Forst also serienreif. Hannes Ladstätters größtes Problem ist es derzeit, einen Partner zu finden, der zum einen freie Kapazitäten für die Serienproduktion und zum anderen idealerweise über Know-how in der Programmierung der Elektronik bzw. Steuerungssoftware verfügt. Außerdem steht noch die sogenannte EU-Konformitätserklärung aus. „Die Hardware ist komplett serienreif, bei der Software gibt es aber noch einiges an Entwicklungspotenzial“, sagt Ladstätter, der mit seiner Erfindung der Zeit bzw. im konkreten Fall der Akkutechnologie einige Jahre voraus gewesen ist, wie er selbst einräumt: „Ich bin 20 Jahre zu früh zur Welt gekommen. Auf der TU haben wir noch mit Lochkartentechnik gerechnet.“

Mit seinem Kraftwerk im Forst ist Hannes Ladstätter seiner Vision, die heimische Forstwirtschaft weitestmöglich zu elektrifizieren, einen großen Schritt nähergekommen. Der Tüftler verfolgt aber noch ein weiteres Ziel: „Ich will die Forstwirtschaft, die ohnehin gefährlich genug ist, so einfach und damit so sicher wie möglich machen.“ Kinderleicht, intuitiv, sicher. Das könnte dazu beitragen, den auch in der Forstwirtschaft schwelenden Fachkräftemangel ein wenig zu lindern. Geht es nach Ladstätters Vorstellung, soll statt monatelanger Einschulung die Bedienung der Seilkrananlage nach einer kurzen Einführung annähernd narrensicher sein. Dafür und für die Optimierung der Energieausbeute, die beim Baumtransport gewonnen werden kann, schwebt ihm auch der Einsatz künstlicher Intelligenz vor, für die es auch beim Kraftwerk im Forst einiges zu tun gäbe. „Die Seilkrananlage soll mit vier simplen Grundfunktionen bedienbar sein. Alles andere kann man der KI überlassen. Auf jeder neuen Trasse wird zunächst eine Referenzfahrt gemacht und in der Folge für jedes transportierte Gewicht und jeden Standpunkt die optimale Energieausbeute errechnet.“ Der batterielektrische Hubwindenlaufwagen Ladelifter funktioniert autark und erzeugt den benötigten Strom selbst, an der Zugwinde an der „Talstation“ der Seilkrananlage entsteht durch Rekuperation ein beträchtlicher Stromüberschuss, der in Akkus gespeichert und bei Bedarf abgegeben werden kann. Es können mit überschaubarem Aufwand auch bestehende, mit fossilen Kraftstoffen betriebene Winden umgerüstet bzw. retrofitted werden. Positiv auf die Energiebilanz wirkt sich auch der Umstand aus, dass der Ladelifter nur halb so schwer ist wie ein vergleichbarer dieselbetriebener Hubwindenlaufwagen. „Bei unseren Tests verbrauchen wir mit dem Kraftwerk im Forst im Betrieb weniger als 20 Prozent der Energie, die wir durch die Rekuperation gewinnen.“ Das bedeutet im Umkehrschluss, dass 80 Prozent der Energie zur Verfügung steht, um beispielsweise ein Elektrofahrzeug oder Ausrüstung wie Akku-Motorsägen mit Ladestrom zu versorgen. Das stellt die ökonomische Rechnung auf den Kopf, denn so wird die Bergabbringung von Holz auch zur wirtschaftlich besseren Variante. Nicht zu unterschätzen ist auch der zusätzliche Komfort. „Ich habe dadurch ortsunabhängig immer Strom auf der Baustelle.“

Es liegt auf der Hand, dass das Ganze auch für die Umwelt gut ist. Null Emissionen, kaum Lärm, keine Treibstoffe, die in den Waldboden einsickern und diesen kontaminieren können. Dementsprechend gibt es bereits Interesse vonseiten öffentlicher Institutionen wie der Österreichischen Bundesforste und der Bayerischen Staatsforste. Grüner und ökologisch verträglicher kann man die Holzernte nicht betreiben. Hannes Ladstätter steckt auch im Ruhestand noch voller Tatendrang, daher ist es alles andere als unwahrscheinlich, dass noch die eine oder andere Erfindung in Sachen Forstwirtschaft aus dem Defereggental zum Patent angemeldet wird.


Text & Fotos: Marian Kröll

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