In der öffentlichen Debatte rund um Nachhaltigkeit dominieren oft ökologische Themen wie Klimawandel, CO₂-Emissionen oder Ressourcenschonung. Doch Nachhaltigkeit umfasst weit mehr als nur Umweltaspekte. Die sozialen und Governance-Dimensionen des ESG-Konzepts (Environmental, Social, Governance) gewinnen zunehmend an Bedeutung – und das aus gutem Grund. Denn erst wenn Unternehmen auch soziale Verantwortung übernehmen und eine transparente, ethische Unternehmensführung etablieren, entsteht ein wirklich nachhaltiges Wirtschaftssystem.
Doch was genau verbirgt sich hinter den Begriffen „Social“ und „Governance“ und warum sind diese beiden Dimensionen so entscheidend für die Zukunftsfähigkeit von Unternehmen? Während der Bereich „Environmental“ bereits seit Jahren im Fokus steht, geraten die Bereiche „Social“ und „Governance“ erst langsam in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Dabei sind gerade diese Aspekte essenziell für langfristigen wirtschaftlichen Erfolg und gesellschaftliche Akzeptanz. „Ein nachhaltiges Wirtschaftssystem ist ein System, in dem eine Grundlage für die Zukunft geschaffen wird, auch zukünftig erfolgreich zu sein, Investitionen in die Zukunft tätigen zu können, um Arbeitsplätze sichern zu können. Eine gewisse Langfristigkeit ist natürlich immer damit verbunden. Da muss man heute die Maßnahmen setzen, um morgen und übermorgen noch dabei zu sein. Ich würde sagen, zukünftige Investments und zukünftige Arbeitsplatzsicherung, das sind so die wesentlichen Elemente.“ Gerhard Kaiser, Managing Partner Cura Cosmetics, bringt auf den Punkt, was ein nachhaltiges Wirtschaftssystem ausmacht. Birgit Schulze-Boysen ist Leiterin Personal bei den Innsbrucker Verkehrsbetrieben. Sie zieht den Kreis etwas weiter: „Man will die Ressourcen der Gegenwart wirtschaftlich effizient oder ökologisch tragfähig oder sozial verantwortlich nutzen, um für die nächsten Generationen eine Basis zu schaffen, die das Leben lebenswert macht.“
Soziale Nachhaltigkeit
Die soziale Dimension („S“) umfasst dabei alle Maßnahmen eines Unternehmens, die auf soziale Gerechtigkeit, Gleichberechtigung, Inklusion und Vielfalt abzielen. Dazu gehören faire Arbeitsbedingungen entlang der gesamten Lieferkette ebenso wie Chancengleichheit innerhalb des Unternehmens selbst. Schulze-Boysen: „Man muss sich das immer in diesen drei Dimensionen anschauen und bewerten, wenn es um Maßnahmen geht. Die Wirtschaftlichkeit, die Ökologie, aber auch die soziale Gerechtigkeit sind Aspekte, die, wenn es um die Nachhaltigkeit geht, gleichberechtigt zu betrachten sind. Sie tragen zu einem nachhaltigen Wirtschaftssystem bei. Das fängt bei ganz kleinen Dingen an, dass man Menschen Chancen gibt. Ich sehe uns als öffentlichkeitsnahes Unternehmen in einer großen Verantwortung, qualitativ hochwertige Ausbildungsplätze für junge Menschen anzubieten.“ Und Gerhard Kaiser fügt hinzu: „Nachhaltigkeit ist eben nicht nur Ökologie, aus unternehmerischer Sicht muss es mehr sein. Da gehören soziale Gerechtigkeit und Governance dazu. Wir sind uns einig, dass Nachhaltigkeit nur in diesem Dreierpack funktioniert. Es geht um faire Arbeitsbedingungen, Diversität und Inklusion.“
Soziale Nachhaltigkeit endet dabei nicht bei gesetzlichen Vorgaben: Immer mehr Unternehmen erkennen den Wert sozialer Verantwortung als Wettbewerbsvorteil im Kampf um Talente, Stichwort Employer Branding. Gerade jüngere Generationen legen großen Wert darauf, dass ihr Arbeitgeber Werte wie Gleichberechtigung, Diversität und Inklusion aktiv lebt – sowohl intern als auch extern. Kaiser untermauert das: „Nur wenn man wirklich auf soziale Gerechtigkeit schaut, kann man davon ausgehen, dass es langfristig Erfolg und Zufriedenheit gibt. Man muss nachhaltiges Wirtschaften mit einer gewissen Langfristigkeit verbinden.“ Auch bei Birgit Schulze-Boysen als Personalerin geht es um Menschen: „Die soziale Verantwortung spannt sich bei mir über zwei Ebenen. Einmal nach außen hin, wenn ich es vonseiten der Bewerber*innen sehe, und einmal nach innen, wo es um die Mitarbeiter*innen und deren Bindung geht.“ Das sieht auch Christoph Aukenthaler so. Er ist Sustainability & Process Specialist bei Cura Cosmetics: „Damit wir wachsen können, Mitarbeiter*innen zu uns kommen und auch bei uns bleiben wollen, müssen wir deutlich über das hinausgehen, was der Gesetzgeber vorschreibt. Das Gesetz ist das absolute Minimum.“
Vielfalt als Erfolgsfaktor
Studien zeigen immer wieder deutlich positive Effekte divers zusammengesetzter Teams auf Innovationskraft sowie wirtschaftlichen Erfolg insgesamt („Diversity Dividend“). Dennoch tun sich viele Firmen noch schwer damit, echte Vielfalt umzusetzen, statt bloße Lippenbekenntnisse abzugeben: Dabei geht es nicht allein um Geschlechtergerechtigkeit, sondern ebenso um kulturelle Hintergründe, unterschiedliche Altersgruppen bis hin zur Integration von Menschen mit Behinderung– kurzum: Alles was unsere Gesellschaft vielfältig macht, sollte sich idealerweise auch innerhalb unserer Wirtschaft widerspiegeln.
Eine gute Unternehmensführung – Governance – ist dazu in jeglicher Hinsicht das Fundament jeder nachhaltigen Organisation. Transparenz in Entscheidungsprozessen schafft Vertrauen bei Investor*innen, Mitarbeiter*innen und Verbraucher*innen. Gesetzliche Vorgaben spielen hierbei eine wichtige Rolle: Compliance-Regeln gegen Korruption oder Geldwäsche sind längst Standard geworden; darüber hinaus erwarten Stakeholder heute freiwillige Selbstverpflichtungen zur Offenlegung relevanter Informationen über Geschäftspraktiken sowie deren Auswirkungen auf Gesellschaft und Umwelt. „Wenn es um Governance geht, ist transparentes Handeln aus unserer Sicht zwingend notwendig, wenn man langfristig als Unternehmen Erfolg haben und glaubwürdig sein will und gegenüber Mitarbeiter*innen und Stakeholdern seriös auftreten möchte“, findet CURA-Geschäftsführer Kaiser. Transparenz stehe für sein Unternehmen weit oben: im Management. „Wir haben regelmäßige Meetings, zu denen alle Mitarbeiter*innen eingeladen sind, teilzunehmen. Dabei geht es nicht nur um wirtschaftliche Themen, sondern auch um Nachhaltigkeit oder soziale Bereiche. Wir kommunizieren dabei auch ganz klar unsere Unternehmensstrategien und ethische Aspekte. Transparenz ist der Schlüssel, um Social Washing zu vermeiden und an Glaubwürdigkeit zu gewinnen.“
Wie viel ist genug?
Eine große Herausforderung im Bereich Social & Governance bleibt die Messbarkeit entsprechender Maßnahmen bzw. deren Wirkung auf Unternehmenserfolg oder gesellschaftlichen Nutzen insgesamt. Während ökologische Kennzahlen wie der CO₂-Ausstoß relativ einfach quantifizierbar sind („Carbon Footprint“), gestaltet sich dies im sozialen Bereich deutlich schwieriger: Wie misst man beispielsweise Fortschritte hinsichtlich Gleichstellung oder Inklusion? Welche Indikatoren eignen sich zur Bewertung guter Unternehmensführung? Christoph Aukenthaler arbeitet bei Cura Cosmetics dafür mit klar definierten Markern: „Es gibt viele Möglichkeiten, wie man Fortschritte messen kann. Nicht zuletzt gibt es Reporting Standards, die relativ klare Kennzahlen dafür liefern. Auch die europäischen Berichtspflichten schreiben vieles vor. Dabei geht es zum Beispiel darum, wie hoch die Fluktuationsrate ist. Je höher, desto genauer sollte man hinschauen.“ Ein weiterer Bereich widmet sich der Weiterbildung. Wie viele Weiterbildungen werden im Schnitt pro Mitarbeiter*in und Jahr in Anspruch genommen? Im Zuge der betrieblichen Gesundheitsfürsorge bekommen Mitarbeiter*innen umfangreiche Fragebögen, in denen Zufriedenheit und Workload abgefragt werden.
Hard- und Softfacts geben bei den IVB Feedback zu den getroffenen Maßnahmen. „Wir haben eine Instanz im Personalcontrolling, die im beständigen Austausch mit der Betriebswirtschaft ist“, gibt Schulze-Boysen einen Einblick. „Dabei werden Daten gesammelt, um unsere Annahmen zu stützen oder entsprechend zu steuern. Nach der Analyse dieser Hardfacts geht es in die persönlichen Gespräche.“ Dazu werden regelmäßige Mitarbeiter*innen-Befragungen sowohl im Gesamtunternehmens- als auch im Gesundheitsbereich durchgeführt. In Qualitätszirkeln, die daraus abgeleitet werden, werden die identifizierten Themen entsprechend bearbeitet. Die kleinste Einheit ist für Birgit Schulze-Boysen immer das Mitarbeiter*innen-Gespräch. Am Ende zählt immer der Mensch.
Text: Katharina Reitan