
Das Freizeitticket Tirol ist 20 Jahre alt geworden. Wir haben mit dessen Initiator Thomas Schroll zurück- und nach vorne geschaut. Ein Gespräch über die Entstehung des Tickets, seine Bedeutung für die Region und die Zukunft des Wintersports.
eco.nova: Es braucht meist einige Zeit, in der man mit einer Idee schwanger geht. Erinnern Sie sich noch an die Geburtsstunde des Tickets?
Thomas Schroll: Die Nordkettenbahnen waren damals gerade im Umbau und es gab die Überlegung, mit Innsbrucker Partnern eine gemeinsame Karte zu gründen. Die Nordkettenbahnen sind fast ganzjährig geöffnet. Mir war klar, dass der Zugang für die einheimische Bevölkerung ein leichter und möglichst niederschwelliger sein muss. Im ersten Jahr war es noch ein reines Winterticket, bereits im zweiten Jahr habe ich meine Partner überreden können, eine Ganzjahreskarte daraus zu machen.
Sollte dieser niederschwellige Zugang, den Sie beschreiben, auch dazu dienen, ge-gen eine etwaige Tourismusmüdigkeit der Bevölkerung anzugehen?
Ich habe da vielleicht eine etwas andere Ansicht als meine Partner und Stakeholder. Man darf nicht der Illusion nachhängen, dass ein Freizeitticket als Trostpflaster für die Einheimischen genügt, um alles zu erdulden, was aus dem Tourismus kommt. Außer-dem ist es so, dass irgendwann alles – und auch das Freizeitticket – zu einer Art Selbstverständlichkeit wird. Eine etwaige kritische Haltung gegenüber dem Tourismus ändert sich dadurch nicht zwingend.
Das Freizeitticket ist heuer 20 Jahre alt geworden. Was würden Sie mit dem Wissen von heute anders machen?
Es hat doch einige Jahre gedauert, bis das Freizeitticket in seiner heutigen Form ent-stehen konnte. Dafür waren viele Faktoren ausschlaggebend. Manchmal brauchen die Dinge einfach eine gewisse Zeit, um sich zu finden. Man würde rückblickend im-mer das eine oder andere anders machen. Damals herrschte jedenfalls Aufbruch-stimmung. Nicht nur bei den Bergbahnen, sondern vor allem in den Gemeinden mit ihren Kleinskiliften, ihren Bädern, ihren Eislaufplätzen – sie waren von der Idee eines gemeinsamen Tickets begeistert. Wir sind zur richtigen Zeit mit der richtigen Idee ge-kommen.
Warum waren die Gemeinden begeisterungsfähig? Haben sie die Frequenz ge-braucht, um die teuren kommunalen Infrastrukturen zu rechtfertigen?
Man wollte für die Bevölkerung etwas tun und den Bürger*innen etwas bieten. Sport im Sommer und Winter, aber auch den Zugang zu kulturellen Einrichtungen wie Mu-seen, die man sonst vielleicht nicht besucht hätte. Ich bin in allen Gemeinden sehr positiv aufgenommen worden und auf offene Ohren gestoßen. Daran denke ich bis heute gerne zurück.
Geht es in der öffentlichen Wahrnehmung durch den Sport- und Bewegungsfokus ein wenig unter, dass das Freizeitticket auch eine Eintrittskarte in die Kultur ist?
Es geht nicht in der Wahrnehmung unter. Ein Skigebiet wird einfach öfter genutzt als ein Museum.
Das Ticket wird heute über 70.000 Mal verkauft und ist damit die meistverkaufte Frei-zeit-Verbundkarte Österreichs. Gibt es auch die Gefahr, zu groß und zu erfolgreich zu werden?
Das Freizeitticket hat Innsbruck verändert. So ein Angebot hat es zuvor nicht gege-ben. Es wird sehr emotional darüber gesprochen. Es trägt auch zu sozialen Kontak-ten bei und bewegt in den Familien und Freundeskreisen viel. Das hätte ich mir nie träumen lassen. Eine Limitierung ist für uns kein Thema mehr, weil das Freizeitticket im Großraum Innsbruck zur Institution geworden ist. Wir sind bestrebt, das aufrechtzuer-halten, und wollen es nicht einschränken.
Sie sagen, eine Limitierung sei kein Thema mehr. War es das einmal?
Wir haben schwierige Jahre hinter uns. Zuerst kam die Pandemie, in der wir mit Rück-zahlungsaufforderungen in Millionenhöhe durch den VKI konfrontiert gewesen sind. Dann kam eine Klage des VKI wegen Diskriminierung. Wir haben das Freizeitticket daraufhin in Richtung anderer EU-Bürger geöffnet und waren verunsichert, wie sich diese Entwicklung auswirken würde. Man darf nicht vergessen, dass die eine oder andere Freizeiteinrichtung von ihren Kapazitäten her begrenzt ist. Die letzten Jahre haben uns bewegt, zunächst die Pandemie, die darauffolgende Teuerungswelle und dann die Klage wegen Diskriminierung.
Der VKI hat argumentiert, das Freizeitticket stelle eine Form der Diskriminierung gegen Menschen dar, die nicht in Tirol leben. Es ging dabei auch um eine sogenannte Bin-nendiskriminierung von Österreichern aus anderen Bundesländern.
Der VKI musste ja so argumentieren, weil man es vermutlich nicht verstehen würde, wenn sich der Verein für EU-Bürger stark machen würde. Natürlich hat auch der VKI letztlich bemerkt, dass dieser Schuss ein wenig nach hinten losgegangen ist. Es ging nie um Salzburger oder Vorarlberger, sondern um deutsche Gäste. Wir akzeptieren, dass es sich bei der Wohnsitzklausel EU-rechtlich um eine Diskriminierung gehandelt hat, haben unsere AGB adaptiert und heute steht das Freizeitticket allen Konsu-ment*innen offen.
Gibt es nach 20 Jahren angebotsseitig noch so etwas wie blinde Flecken im Ticket-verbund, wo Sie gerne nachjustieren würden?
Alles, was noch dazukommt, muss auch finanziert werden. Über den Preis wird aber immer diskutiert. Wir wissen, dass wir preislich sehr attraktiv sind. Das beweisen auch unsere mehr als 70.000 Nutzer*innen. Mit den Einnahmen aus den Ticketverkäufen finanzieren wir unsere 70 Infrastrukturen. Kommen mehr dazu, wird der Kuchen kleiner.
Man darf wohl annehmen, dass der genaue Verteilungsschlüssel ein gut gehütetes Geheimnis im Verbund ist?
Ja.
Profitieren kleinere Skigebiete überproportional vom Ticketverbund?
Ja. Ich traue mich zu sagen, dass gerade die kleineren Gebiete ohne die Existenz von Ticketverbünden wirtschaftlich nicht reüssieren könnten. Wir haben von Anfang an darauf geachtet, dass die kleineren Skigebiete verhältnismäßig besser aussteigen und unterstützt werden.
Sehen Sie bei den Preisen auch aufgrund der dynamischen Preisentwicklung der letzten Jahre so etwas wie eine Schmerzgrenze, eine psychologisch wichtige Zahl, die Sie tunlichst nicht überschreiten möchten?
Es gibt eine aktuelle Befragung des Instituts für Sportwissenschaft. Da wurde bezogen auf den letztjährigen Preis als Schmerzgrenze 800 Euro genannt, was einer Anhebung um sechs Prozent entspricht. Wir sind bei vier Prozent geblieben. In 15 Jahren wird das Freizeitticket aber natürlich mehr als 800 Euro kosten. Die Verkaufszahlen sind unwahrscheinlich, das Angebot ist attraktiv und der Preis auch. Das gilt besonders für Familien.
Die Vorverkaufspreise sind wesentlich günstiger als die regulären Preise. Wie viele Ti-ckets gehen im Vorverkauf über den Tresen?
Es sind 97, 98 Prozent, die von unseren bewährten Vorverkaufsstellen aus unter die Leute kommen. Damit können wir den Ansturm gut bewältigen. Den Onlinevertrieb haben wir eingestellt. Ob er wieder einmal kommt, weiß ich nicht.
Sie haben vorhin gemeint, dieses Ticket habe Innsbruck verändert. Welchen konkre-ten gesellschaftlichen Impact sehen Sie nach 20 Jahren Freizeitticket?
Das Freizeitticket bewegt seine Nutzer*innen im doppelten Sinne. Es gibt eine nicht zu vernachlässigende sozialpolitische Komponente. Das Freizeitticket trägt dazu bei, Kinder und Jugendliche von den Bildschirmen ihrer Smartphones und Tablets fernzu-halten. Es bietet Familien und Freunden ganzjährig Zugang zu Sport- und Kulturan-geboten, ohne jedes Mal über den Preis nachdenken zu müssen. Das Ticket ani-miert, nach draußen zu gehen und miteinander etwas zu unternehmen. Eine Befra-gung untermauert das: 80 Prozent der Nutzer*innen geben an, dass das Freizeitticket ihre Lebensqualität hebt. Eine größere Auszeichnung gibt es nicht!
Das Freizeitticket geht im Großraum Innsbruck weg wie die warmen Semmeln. Den-noch steht immer wieder das herannahende Ende des Wintersports im Raum. Ist das nicht ein Widerspruch?
Ich kann mit der Panikmache rund ums Skifahren nichts anfangen. Man nimmt einen Tageskartenpreis her und daran entzündet sich eine medial-öffentliche Debatte. Dann heißt es: Skifahren ist zu teuer! Es geht nicht mehr! Im Großraum Innsbruck hat es noch nie so viele Skifahrertage und so hohe Frequenzen an den Bergbahnen ge-geben. Wir haben ja schon längst reagiert und die Bedürfnisse der Bevölkerung be-rücksichtigt. Das Ergebnis: Vor 20 Jahren haben wir im Winter 7.000 Karten verkauft, heute verkaufen wir über 70.000 Freizeittickets. In und um Innsbruck ist noch nie so viel unternommen worden wie heute. Das muss man einmal festhalten. Die Bergbahnen haben keinen Einfluss auf die Veränderungen im Schulsystem und die Auswirkungen der Migration. Was wir tun konnten, haben wir getan – und werden es weiterhin tun.
Wenn es um den viel zitierten Niedergang des österreichischen „Kulturguts“ Skifahren geht, bekommen medial gerne die Seilbahner mit ihren Ticketpreisen den Schwarzen Peter zugeschoben. Sie plädieren für eine differenzierte Betrachtung?
Genau so ist es. Früher haben beispielsweise fast alle Kinder an den Schulskikursen teilgenommen. Das ist längst nicht mehr so. Das ist ein gesellschaftliches Faktum, für das es keine Schuldigen gibt. Die Bergbahnen können nichts dafür. Im Gegenteil: Angebote wie das Freizeitticket oder die Regiocard hat es früher nicht gegeben. Da konnte man höchstens irgendwo eine Saisonkarte kaufen. Wir Seilbahner haben un-sere Arbeit gemacht.
Interview & Fotos: Marian Kröll

