
Sigrid Stagl, Österreichs erste Professorin für Ökologische Ökonomie, rechnet vor, was Österreichs jahrzehntelanges Zögern beim Klimaschutz jetzt kostet und warum Politik echte Wahlfreiheit erst schafft, wenn sie nachhaltiges Handeln zur einfacheren und billigeren Option macht.
eco.nova: Der Präsident der Industriellenvereinigung, Georg Knill, hat vor einiger Zeit im Zusammenhang mit dem Gold-Plating von EU-Vorgaben davon gesprochen, dass dadurch „Klimafreaks Tür und Tor“ geöffnet werden. Hat die Industrie in Österreich noch immer nicht verstanden, dass Klimaschutz zumindest mittelfristig kein Wettbewerbsnachteil ist?
Sigrid Stagl: Teile der Industrie, würde ich meinen. Wir haben wunderbar innovative Unternehmen, die bereits grüne Technologie herstellen und sehr erfolgreich exportieren. Sie profitieren von einer adäquaten Klimapolitik und erzählen mir auch, dass sie derzeit Nachteile daraus haben, dass diese Rahmenbedingungen nicht geklärt sind. Daraus ergibt sich Unsicherheit, und Unsicherheit schadet dem Potenzial, Investitionen zu tätigen. Mir ist selbst nicht ganz klar, welcher Teil der Industrie zu den Bremsern gehört, die nicht die Möglichkeit sehen, innovativ zu sein und zu dieser Transformation beizutragen. Es ist mittlerweile ganz klar erkennbar geworden, dass die Bremser ganz stark im Establishment verankert sind. Der Tenor am Tag der Industrie war folgender: Man versucht, möglichst so weiterzumachen wie bisher, erachtet die Transformation nicht für notwendig. Das Problem dabei ist, dass es diese Option nicht wirklich gibt. Die physischen Bedingungen verändern sich. Wir sind entweder Teil der Transformation, müssen uns dafür jetzt anstrengen, oder wir tragen die Kosten des Nichthandelns. Die sind deutlich höher als die Transformationskosten.
Vogel-Strauß-Klimapolitik zieht zudem finanzielle Sanktionen nach sich.
Es ist nicht neu, dass wir Klimaschutz betreiben müssen. Wir sind Teil der EU, Klimaschutz wurde gemeinsam vereinbart. Österreich ist mit am Tisch gesessen. Mit dem Klimaschutzgesetz soll nun geregelt werden, dass das nicht irgendwer – letztlich die Gemeinschaft der Steuerzahler – bezahlen muss, sondern die entsprechenden Informationen dort ankommen, wo es Hebel gibt: Bei denen, die über Verkehrsinfrastruktur entscheiden, über Raumplanung, über Energieprojekte und so weiter. Es ist viel sinnvoller, Klimaschutz frühzeitig in den Entscheidungsprozess einzuspeisen als im Nachhinein Strafen zu verhängen. Sanktionen sind als Instrument notwendig, gescheiter ist es, Entscheidungsträger*innen vorab klarere Informationen darüber zu geben, was der Gesellschaft und Wirtschaft gut tut und wo sie Teil der Lösung sein können.
In Sachen Klimaschutz scheint man als Strategie der Adaption den Vorzug vor der Mitigation gegeben zu haben. Ist das Resignation, oder fehlt uns in den gesättigten Gesellschaften Europas einfach noch der nötige Leidensdruck, um unbequeme Vermeidungsstrategien tatsächlich durchzusetzen?
In Europa gab es im heurigen Sommer mehr als 25.000 Hitzetote. Natürlich müssen wir uns anpassen, damit wir bessere Infrastrukturen haben, um diese Zahl zu senken. Nur mit Anpassung, ohne Vermeidung, wird dieser Berg immer größer. Das ist hinsichtlich der Menschenleben nicht klug – und auch ökonomisch nicht sinnvoll. Wir müssen eine Anpassung betreiben, weil wir bereits Veränderungen beobachten. Die Anpassung kostet sehr viel, weil sie bedeutet, dass wir unsere Infrastruktur, unsere Produktionsweise und unsere Lebensweise umstellen müssen. Genau die Leute, die für ein Weitermachen wie bisher plädieren, müssten sich eigentlich für die Vermeidung einsetzen und nicht ausschließlich auf Adaption setzen. Es ist logisch nicht kohärent, als politische Ansage einerseits weitermachen zu wollen wie bisher, dabei aber nicht zu vermeiden. Das geht sich nicht aus. Nur auf Anpassung zu setzen heißt, dass die Bauwirtschaft im Sommer sehr eingeschränkte Arbeitszeiten haben wird und unsere Produktivität deutlich sinkt. Global betrachtet bedeutet das, dass man sich in manchen Regionen im Sommer im Freien nicht mehr gefahrlos aufhalten kann. Rund um den Äquator sind bei weiterem Temperaturanstieg die Lebensgrundlagen nicht mehr erwirtschaftbar. Die Menschen, die heute dort leben, sind dadurch gezwungen, sich irgendwo anders anzusiedeln. Aus ökonomischer Perspektive ist die rationalste Antwort, so viel wie möglich in Vermeidung zu investieren, um die negativen Konsequenzen hintanzuhalten. Es braucht einen geordneten Prozess, der die Unsicherheiten und damit die volkswirtschaftlichen Kosten verringert.
Unterliegen wir nicht einem kollektiven Selbstbetrug, wenn wir – wie es im öffentlichen und vor allem politischen Diskurs gerne geschieht – glauben, den Klimawandel technologisch beherrschen zu können?
Ich kenne niemanden, der gegen bessere Technologien wäre und sich dagegen wehren würde. Das ist ein Missverständnis. Die Frage ist nur: Reicht das aus? Ich fürchte nicht. Wir müssen alles tun, die bestmögliche Technologie einsetzen, es wird allerdings auch eine gewisse Verhaltensänderung notwendig sein und wir müssen unseren Markt so gut wie möglich an veränderte Bedingungen anpassen.
WO DIE MARKTPREISE TRÜGEN
Welche?
Ein großes Beispiel sind die Subventionen der Gemeinsamen Agrarpolitik der EU, die über Jahrzehnte entwickelt wurden und rund ein Viertel des EU-Haushalts ausmachen. Von diesen Milliarden gehen 82 Prozent in die Tierproduktion. Unser Fleischkonsum ist im gegenwärtigen Ausmaß weder gesund noch umweltfreundlich. In der Ernährungspyramide ist gut abgebildet, dass zwei Drittel der Proteine aus pflanzlichen Quellen kommen sollten. In diese Richtung sollten wir uns rein rational und geordnet mit adäquater Geschwindigkeit bewegen. Wenn wir gleichzeitig Marktregeln haben, die Preise verzerren und tierische Produkte künstlich billiger machen, funktioniert das nicht.
Sie argumentieren in Ihrem Buch auch, dass Bioprodukte eigentlich günstiger sein müssten als Erzeugnisse aus konventioneller Landwirtschaft. Wie kommt das?
Weil Bioproduktion gesellschaftlich betrachtet geringere Kosten verursacht als die konventionelle Landwirtschaft, die nur günstiger ist, weil wir nicht nur als Konsument*innen an der Supermarktkasse bezahlen, sondern auch als Steuerzahler*innen und Sozialversicherungsbeitragszahler*innen. Wir zahlen über viele andere Rechnungen mit, damit uns die konventionelle Produktion billiger erscheint. So kann man nicht Marktwirtschaft betreiben. Das sagt noch nicht einmal die Ökologische Ökonomie, sondern das sind einfach die Grundlagen der Volkswirtschaft. Wenn es so starke Effekte gibt, die über andere Kanäle bezahlt werden, ist die hauptsächliche Information – der Marktpreis – wenig hilfreich für Entscheidungen. Es ist eigentlich verwunderlich, wie viele Leute trotzdem zu Bioprodukten greifen. Korrigiert man die Preise, wäre das systemisch effizienter. Da kann es dann sein, dass die Preise im Supermarkt geringfügig höher sind, Steuern, Versicherungsbeiträge und Abgabe dafür im Gegenzug geringer ausfallen.
MIA SAN NED DEPPAT
Nachweislich sind in den letzten Jahrzehnten Ölkrisen die größten Inflationstreiber gewesen. Warum verläuft der Ausbau der Erneuerbaren in Österreich dennoch langsamer, als er sein könnte?
Einerseits haben wir die Möglichkeit, verschiedene erneuerbare Quellen zu verwenden, andererseits verfügen wir nicht über nennenswerte Vorkommen fossiler Energie. Andere Länder tun sich da viel schwerer, sich für den Aufbau einer Infrastruktur Erneuerbarer zu entscheiden. Das ist eine schwierigere Entscheidung als bei uns, wo die Frage heißt: Importieren wir fossile Brennstoffe von unzuverlässigen, autokratischen Handelspartnern oder nehmen wir die Erzeugung selbst in die Hand? Eine oberösterreichische Genossenschaft hat mir ein T-Shirt geschickt mit der Aufschrift: Mia san ned deppat. Wir lassen uns das Wasser, die Sonne und den Wind, die uns schon gehören, nicht verrechnen. Unsere Energieerzeugung unter eigene Kontrolle zu bringen und dadurch günstigere Energiepreise zu schaffen, sollte ein Ansporn sein. Wir sind gerade in einer problematischen Zehrphase. Das Energiesystem baut man nicht von heute auf morgen um, wir sind noch auf den Import fossiler Energieträger angewiesen. Das hat in den letzten Jahren durchschnittlich zehn Milliarden Euro pro Jahr gekostet. Heuer waren es aufgrund des Irankriegs im ersten Halbjahr bereits 500 Millionen mehr, ohne dass jemand in Österreich eine falsche Entscheidung getroffen oder sich verantwortungslos verhalten hätte. Das schadet der österreichischen Volkswirtschaft. Aus systemischer Perspektive ist es klar, dass man davon wegkommen sollte. Die Frage ist nur, wie man es macht. Sollte man von den Burgenländer*innen und Weinviertler*innen verlangen, noch mehr Windräder zu akzeptieren, weil Wind derzeit aufgrund der Winterlücke eine knappe Infrastruktur ist? Oder sagen wir: Alle sollten einen Ausbau der Infrastruktur akzeptieren, weil alle etwas davon haben. Das ist übrigens genau das, was 82 Prozent der jungen Österreicher*innen so sehen.
Es gibt Hoffnung. Insgesamt muss man doch feststellen, dass in der Bevölkerung die Not-in-my-Backyard-Mentalität (NIMBY) doch recht ausgeprägt ist. Die meisten sind für einen Ausbau der Erneuerbaren, aber eben nicht vor der eigenen Haustür.
Da muss man differenzieren zwischen allgemeiner und spezifischer Akzeptanz. Es gibt NIMBY, genauso jedoch Yes-in-my-Backyard (YIMBY). Das ist besonders dort beobachtbar, wo es bereits gute Erfahrungen mit Windrädern gibt. Es gibt sogar Please-in-my-Backyard (PIMPY), wo der Bau entsprechender Infrastruktur aktiv eingefordert wird, weil man sich ökonomische Vorteile davon verspricht. Es gibt also mehr als NIMBY, besonders bei Menschen, die bereits Erfahrungen haben, und bei jüngeren Leuten. Generell ist es so, dass Menschen bedingt kooperativ sind. Ja, wir bauen unser Energiesystem um, doch dann sollten alle mitmachen. Wenn sich dann die Vorarlberger, Tiroler und Kärntner herausnehmen, ist das ein Problem.
Windkraft ist in Tirol fast ein Sakrileg.
Tirol leistet mit der Wasserkraft einen Beitrag zum österreichischen Energiesystem. Klüger wäre es, zusätzlich geeignete Standorte auch für die Windenergie zu suchen. Die gibt es auch im alpinen Raum, selbst wenn die Logistik schwieriger ist. Es ist eine demokratische Aufgabe, ein öffentliches Narrativ zu entwickeln und in einer partizipativen und transparenten Form diese Entscheidungen zu treffen. Die Standortgemeinden profitieren davon, und für die Bewohner*innen wirken sich diese Anlagen mit einem stabilen und niedrigeren Strompreis aus.
REALITÄTSVERWEIGERUNG
Wir tun uns schwer mit dem Aufbrechen eingefahrener Muster. Es ist nicht lange her, da hat die hohe Politik Österreich als „Verbrennerland“ bezeichnet. Verhindert dieses Beharren auf dem Alten eine dringend notwendige industrielle Erneuerung? Brauchen wir neben der viel beschworenen Innovation nicht viel dringender eine harte „Exnovation“ – also das aktive Abdrehen alter Industriezweige?
Es gibt heute in Österreich bereits eine Windkraft-Zulieferindustrie, die im öffentlichen Diskurs kaum präsent ist. Volumenmäßig ist sie natürlich noch deutlich kleiner als die Autozulieferer. Gewohntes und Liebgewonnenes aufzugeben ist immer schwieriger als etwas Neues zu beginnen. Das gilt in der Gesellschaft genauso wie in der Wirtschaft. Der Staat braucht eine gesamtwirtschaftliche Perspektive, muss systemisch vorgehen – und schwierige Entscheidungen treffen. In dem Sinne, dass Dinge, die nicht zukunftsträchtig sind, zumindest nicht mehr mit Steuergeldern unterstützt werden. Wenn private Investor*innen an auslaufenden Geschäftsmodellen festhalten wollen, ist ihnen das unbenommen. Ein geordnetes Abwickeln reduziert einerseits volkswirtschaftliche Kosten und führt andererseits dazu, dass sich Regionen und Arbeitnehmer*innen auf Neues einstellen können. Das ist nichts Ungewöhnliches, sondern bei allen bisherigen industriellen Umwälzungen nicht anders gewesen. In einer innovativen, offenen Volkswirtschaft gibt es Veränderung. Das Wichtige dabei ist, Veränderungsprozesse so zu gestalten, dass Regionen, Arbeitnehmer*innen und auch Investor*innen sich darauf verlassen können.
Sie sprechen die Verunsicherung von Arbeitnehmer*innen und Regionen an, die solche Umbrüche mit sich bringen. Man hat den Eindruck, dass sich die Politik genau aus dieser Furcht vor den Populisten selbst lähmt und notwendige Exnovationen scheut. Wie kann man der Bevölkerung besser vermitteln, dass es genau diese großen Würfe braucht, um den Wohlstand zu sichern?
Es braucht das Eingeständnis, dass man nicht so weitermachen kann wie bisher. Die wissenschaftliche Evidenz, dass es nicht so weitergehen kann, ist erdrückend. Am Bestehenden festzuhalten ist deshalb wissenschaftsfeindlich – und fängt an, ein bisschen zu nerven. Das ist Realitätsverweigerung. In Teilen der Bundesregierung erlebe ich gegenwärtig eine konstruktivistische Haltung. Wenn man nicht über die Probleme redet und so tut, als gäbe es sie nicht, dann sind sie auch nicht da. Mit der Physik und Biologie kann man aber nicht verhandeln. Als Wissenschaftlerin macht mich das leider etwas ratlos. Wir werden dafür bezahlt, Empfehlungen zu geben, die nicht durch irgendwelche Interessenvertretungen kontaminiert sind. Das ist unser Job.
Als dezidiert Ökologische Ökonomin gehören Sie in der Volkswirtschaft nicht der Mehrheitsfraktion an. Bekommt Ihr Feld angesichts der Entwicklung des Weltklimas Zulauf?
Interessanterweise gab es bis vor Corona höhere politische Aufmerksamkeit für den Klimaschutz und so etwas wie eine gesellschaftliche Bewegung. Das haben wir verloren. Die Themen Klimaschutz und damit verbunden Arten- und Bodenschutz sind in der Bevölkerung angekommen. Es gibt wenige, die gar nichts darüber wissen. Wir brauchen jedoch demokratisch legitimierte Entscheidungsträger*innen, die es basierend auf wissenschaftlichen Erkenntnissen den Bürger*innen leichter machen, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Daran hapert es derzeit noch, doch schön langsam kommt die Message an, dass Klima- und Umweltschutz nicht etwas ist, was man machen kann, wenn man Lust, Laune und Budget hat, sondern die Grundlage für erfolgreiches Wirtschaften. Nicht irgendwann in der Zukunft, sondern jetzt. Persönlich würde ich mir wünschen, dass die Auswirkungen weniger klar wären und mehr Ambiguität und Spielräume lassen würden, doch leider sind die pessimistischsten Prognosen der Klimawissenschaften die, die am besten mit der Realität übereinstimmen.
Sie sagen, die Politik muss es den Bürgern leichter machen. In Ihrem Buch warnen Sie in diesem Zusammenhang vor der „toxischen Verantwortung“ des Einzelnen, der oft fälschlicherweise der Schwarze Peter zugeschoben wird. Können wir das Individuum wirklich völlig aus der Pflicht entlassen und alles auf fehlende Rahmenbedingungen schieben? Müssen wir nicht auch unser Leben ändern – in dem Bewusstsein, dass das nicht nur Verzicht, sondern auch neue Freiheiten und Co-Benefits bringt?
Man sollte die Veränderung nicht als individuellen moralischen Imperativ betrachten, sondern als gemeinsames Projekt. Wenn die Rahmenbedingungen verändert werden und sich von der gegenwärtigen schiefen Ebene gegen nachhaltiges Handeln – Flugtickets sind billiger als Bahnfahren, konventionelle Lebensmittel billiger als Bioprodukte – zugunsten der Nachhaltigkeit drehen, fällt es den Menschen leichter, mitzumachen. Wir leben heute ganz anders als unsere Großeltern, Veränderung ist nichts Neues, sie passiert ständig. Der Unterschied ist, dass die Transformation diesmal in einem verhältnismäßig kurzen Zeitraum und auf ein konkretes Ziel hin ausgerichtet geschehen soll. Die Veränderung muss jetzt schneller gehen, weil wir lange zugewartet haben. Seit 50 Jahren wissen wir, was eigentlich notwendig wäre. Wenn wir in Österreich davon sprechen, mit Klimaneutralität 2040 nicht unbedingt Musterschüler sein zu müssen, ist das ein großes Missverständnis. Hätten wir frühzeitig damit begonnen, konsequent unsere Emissionen zu reduzieren, wären die Spielräume größer. Wir haben leider zwischen 1990 und 2020 unsere Emissionen nur stabilisiert, während Länder wie Dänemark sie im selben Zeitraum halbieren konnten. Wir sind weit davon entfernt, Musterschüler zu sein. Wir sind jahrzehntelang Nachzügler gewesen. Dafür wird uns jetzt die Rechnung präsentiert.
DER WEG IST BEKANNT
Gibt es etwas, was Sie optimistisch stimmt, dass Österreich seine nunmehr gesteckten Emissionsziele erreichen wird?
Eine aktuelle niederländische Studie zeigt auf, dass unser heutiges Ernährungssystem volkswirtschaftlich wahnsinnig teuer ist, mit stark fluktuierenden Input- und hohen Gesundheits- und Umweltkosten einhergeht. Das ist unbefriedigend. Wie könnte man es besser machen? Mit drei Schritten: Umstellung auf Biolandwirtschaft. Österreich ist Bio-Europameister. Da könnten wir richtig aufzeigen, wenn man es schafft, möglichst alle Bauern mitzunehmen. Das ist nicht trivial, da geht es um Identität, um Wertschätzung, das muss man klug machen. Das Wissen ist da. Ein zweiter Schritt ist die Umstellung auf moderne Technologien. Präzisionslandwirtschaft, die so effizient ist wie möglich. Es geht um die modernste Version von Biolandbau. Der dritte Schritt ist, die Empfehlungen der Ernährungspyramide mit unseren Leitplanken in Einklang zu bringen: Zwei Drittel der Proteine sollen aus pflanzlichen Quellen kommen. Das spart uns Umwelt- und Gesundheitskosten und kann auch – klug gemacht – die Ernährungskosten drücken. Alles ist bekannt, kann gemacht werden, und wir sind in Österreich diesbezüglich nicht einmal auf einem schlechten Weg. Wir haben die Bausteine dafür und wissen, wie es gehen würde – und könnten davon profitieren.
Sie plädieren dafür, das Steuersystem stärker zum Steuern zu verwenden. Wie könnte das aussehen?
Das Grundlegendste ist, dass wir jetzt eine CO2-Steuer haben. Endlich. Der CO2-Preis muss noch weiter steigen. Um wie viel, hängt davon ab, welche anderen Regularien wir uns geben. Je mehr Industriestandards, Tempolimits und andere Maßnahmen wir haben, die zur Reduktion beitragen, umso weniger Arbeit muss über den CO2-Preis passieren. Wir brauchen Lösungen, die die Lebenswelt der Menschen verbessern, an ihren Bedürfnissen ansetzen. Es ist der Job der Entscheidungsträger*innen, solche Lösungen auf den Weg zu bringen.
Wirtschaftspolitik muss sich auch messen lassen. Das Bruttoinlandsprodukt ist nach wie vor die ultimative Maßzahl für wirtschaftliche Prosperität. Sie schlagen auch diesbezüglich Alternativen vor. In Ihrem Buch sucht man allerdings vergeblich nach dem Begriff „Degrowth“. Ist es nicht so, dass es in einer begrenzten Welt kein immerwährendes Wachstum geben kann?
Aus einem ganz simplen Grund: Auch in der Ökologischen Ökonomie geht es nicht darum, Wirtschaftswachstum zu verhindern. Es geht darum, rational auf das System zu schauen. Natürlich gibt es harte physische Grenzen. Wenn wir es innerhalb dieser Grenzen schaffen, mehr Wirtschaftswachstum zu generieren, dann applaudiere ich. Das ist allerdings eine empirische, keine konzeptionelle Frage. Ich glaube nicht, dass es gehen wird – vor allem nicht in den reicheren Ländern –, auf Wirtschaftswachstum als hauptsächliche Erfolgsgröße zu setzen. Was ist unserer Gesellschaft stattdessen wichtig? Da gehören Dinge wie soziale Kohäsion, die gesunden Lebensjahre der Bevölkerung, Biodiversität und vieles mehr dazu. Man muss sich anschauen, wie man diese verschiedenen Ziele so effizient wie möglich erreichen kann. So weit bin ich schon Ökonomin, dass es immer darum gehen muss, Ressourcenverschwendung zu vermeiden und so effizient wie möglich zu sein. Einige dieser Ziele korrelieren positiv mit dem Bruttoinlandsprodukt, einige gar nicht und manche sind sogar negativ mit dem BIP korreliert. Es macht also keinen Sinn, nur das BIP erhöhen zu wollen. Es braucht eine differenzierte Betrachtung. Dafür wäre zunächst eine gesellschaftliche Diskussion darüber wichtig, was diese Ziele überhaupt sind. Erst dann, wenn wir die Ziele kennen, können wir gemeinsam versuchen, sie zu erreichen.
Es fehlt also nicht an Wissen, nicht an Werkzeugen. Sigrid Stagl zeigt sie im Gespräch auf. Was fehlt, ist der politische Wille, sie einzusetzen. Nichtstun, das macht dieses Gespräch deutlich, ist längst keine neutrale Option mehr. Es ist die teuerste von allen.
Interview: Marian Kröll
Foto: Matt Observe/NEWS
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Buchtipp:
Krisenfest
Sigrid Stagl, Brandstätter Verlag, 176 Seiten, EUR 25,–
Das Festhalten am Status quo ist keine vorsichtige Standortpolitik, sondern ein unkalkulierbares wirtschaftliches Risiko. Die Ökonomin Sigrid Stagl zeigt in ihrem Buch, wie wir den Übergang von einer expansiven „Cowboy-Wirtschaft“ hin zu einem haushaltenden „Raumschiff-Modell“ schaffen. Anhand konkreter Beispiele – von regenerativer Landwirtschaft und lokalen Energiegemeinschaften bis zur harten Exnovation fossiler Industriezweige – entwirft sie einen systemischen Fahrplan für echte Kostenwahrheit. Klimaschutz wird hier nicht als moralischer Verzicht verhandelt, sondern als handfeste Voraussetzung für unternehmerische Resilienz und gesellschaftlichen Wohlstand.

