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Life

Goldene Handwerkskunst

30.3.2026

Wenn Kunstwerke Spuren der Zeit tragen, sind Menschen gefragt, die mit Expertise und Feingefühl ihre Geschichte erhalten. Eine davon ist Jenifer Matzohl aus Kappl. Ihre besondere Leidenschaft gilt der Restaurierung und Vergoldung. Speziell das Vergolden und Staffieren gehört zu den ältesten Handwerken der Menschheitsgeschichte: „Schon seit der Antike wurde dieses alchemistische Wissen von Generation zu Generation weitergegeben und fand in den Epochen des Barock und Rokoko seine Blütezeit. Seit 2017 zählt die alte Zunft der Vergolder und Staffierer zum immateriellen Kulturerbe – das Vergolden gilt somit als kulturelle Praxis mit lebendiger Tradition“, bekräftigt auch Jenifer Matzohl, eine wahre Meisterin dieses Fachs. Dass sie sich diesem alten Handwerk widmet und sich einer fundierten Ausbildung unterzogen hat, ist wohl dem Prinzip Zufall zuzuschreiben: „Beim Vergolden ist mir das Herz aufgegangen“, erinnert sich die heute 41-jährige Kapplerin an einen Moment während ihrer Ausbildung in der Fachschule für Kunsthandwerk und Design in Elbigenalp zurück. Diese hat sie 2004 abgeschlossen. Dem kreativen Schaffen hat sie sich jedoch schon als Kind gern gewidmet.

Abstecher in die Welt

Anschließend an ihre Ausbildung arbeitete Matzohl zuerst in einem Angestelltenverhältnis als Restauratorin. Was sie auch tat: Sie bereiste die Welt. Ihre Wege führten sie von Peru über Bolivien, Skandinavien und das restliche Europa bis nach Indien, wo sie für ein Sozialprojekt im Einsatz war. Im Rahmen dessen arbeitete sie insgesamt vier Mal in einer Augenklinik im Norden Indiens. Nach ihrer Heimkehr rief sie 2013 ihren Meisterbetrieb „Kunsthandwerk Aurea“ ins Leben – und widmete sich fortan vollständig ihren Kernbereichen: Vergoldung, Restaurierung, Konservierung, Denkmalpflege und Kunstmalerei. Im Laufe der Zeit hat sich Jenifer Matzohl mehr als umfangreich weitergebildet, etwa zur Vergolder- und Staffierermeisterin. Zudem absolvierte sie in den Bereichen der Restaurierung und Konservierung Zusatzausbildungen über das Bundesdenkmalamt Mauerbach und in Bezug auf die Kunstmalerei einen Kurs bei Peter Riml.

Ein besonderer Fund

„Bei uns gibt es so viele schöne Barockkapellen“, sagt Jenifer Matzohl. Und manchmal stößt sie bei Restaurierungsarbeiten auch auf Überraschungen. So erzählt sie bei einem Besuch in der 1676 erbauten Maria-Hilf-Kapelle im Ischgler Ortsteil Ebene, dass das kürzlich genau hier geschah: „Beim Abtragen des Altars bin ich auf einen darunterliegenden Steinaltar gestoßen.“ Damit nicht genug: Darin befand sich eine weiße Kreide und ein geweihter Altarstein. „Reliquienkapseln sind in Kapellen eine Rarität, in Kirchen findet man solche öfters“, ergänzt Matzohl. Auf diesen Fund folgten Gespräche mit den Eigentümern der Kapelle, dem Bundesdenkmalamt, dem Tiroler Landesmuseum/Abteilung Konservierung sowie der Diözese Innsbruck: „Da aber in keinem Archiv Niederschriften gefunden wurden, gehen wir davon aus, dass es sich um keine bedeutende Reliquienkapsel handelt.“ Aktuell befindet sich die in ihrem Atelier in Kappl, bleibt jedoch verschlossen. Eine Vermutung, was sich im Inneren der Reliquienkapsel befindet, gibt es jedoch: „Vermutlich Stoff- oder Knochenreste“, sagt Jenifer Matzohl. Zu dieser Erkenntnis sei man nach Gesprächen mit Mag. Michael Weiskopf von der Diözese Innsbruck sowie mit dem Diözesankonservator Dr. Stefan Schöch gekommen. Zurückzuführen ist diese These auf den früheren Reliquienkult. Damals wurden Knochenreste und Kleidungsstücke von Märtyrern als heilige Reliquien verehrt und in Kirchen aufbewahrt. Mit der Restaurierung dieser Kapelle begann Jenifer Matzohl im Herbst 2025, die Fertigstellung ist noch für das Frühjahr 2026 geplant. Neben dem Altar werden auch Ölgemälde und Heiligenfiguren restauriert.

Die Königsdisziplin

„Kirchen und Kapellen sind Orte der Ruhe, an denen Menschen beten, meditieren, ihre Sorgen anbringen oder um Hilfe bitten“, sagt die Kappler Restauratorin, für die solche Orte Kraftplätze sind: „Das sind besondere Orte, viele Menschen sehen das heute leider nicht mehr“, bedauert sie. Am meisten begeistert sie die Polimentvergoldung – jene Technik, die nicht ohne Grund als Königsdisziplin des Vergoldens gilt. „Bis zur meisterlichen Beherrschung der Handwerkskunst dauert es fünf Jahre. Das Herzstück des Vergoldens bildet die Polimentvergoldung. Diese alte Technik wird aus natürlichen Materialien wie Knochen- oder Hautleim, Kreiden und Bolus hergestellt“, erklärt Matzohl und: „Auf den mehrschichtigen Untergrund wird Blattgold aufgelegt und anschließend wird das auf Hochglanz poliert. Diese anspruchsvolle Technik erfordert viel Erfahrung und Geschick.“

Gold hat für Jenifer Matzohl eine tiefe Bedeutung: „In der christlichen Kunst symbolisiert Gold das göttliche Licht“, erzählt sie. Auch, dass die Polimentvergoldung wetter- und temperaturabhängig ist. Temperaturen unter null oder über 30 Grad eignen sich nicht. Für die Polimentvergoldung ist zudem eine absolut staubfreie Oberfläche unerlässlich. „Beim Vergolden braucht man eine ruhige Hand und viel Konzentration – Blattgold ist hauchdünn“, erklärt sie weiter. Auch, dass der Goldpreis in den vergangenen Jahren massiv gestiegen ist. So kostet das „Heft Blattgold“ (25 Blätter) heute das Dreifache wie vor zehn Jahren.  

Aufwändige Restaurierungsschritte

Das Arbeiten an sakralen Gegenständen oder Figuren erfordert jede Menge Feingefühl. „Wer bei einer Statue zu viel freilegt und Schichten entfernt, kann viel kaputtmachen“, sagt Jenifer Matzohl. Ihre Arbeit beginnt deshalb immer mit einer genauen Befundung und Analysen. „Besonders ältere Statuen sind meist überfasst, das bedeutet, es sind viele Farbschichten übereinander. Hier muss man sich Schicht für Schicht zur Originalschicht und zum jeweiligen Trägermaterial hinarbeiten“, erklärt sie. Ziel einer Restaurierung ist stets die Erhaltung und Wiederherstellung der Originalfassung.

Nach einer Befundung erstellt Jenifer Matzohl ein Restaurierungskonzept. Sollte es – etwa aufgrund des schlechten Zustands der Figur – nicht möglich sein, die Originalschicht herzustellen, dann erhält man das, was noch vorhanden ist, so die Fachfrau. Sofern jemand eine alte Statue findet, rät sie, diese schätzen zu lassen. Das ist entweder bei Fachleuten oder auch im Dorotheum möglich. Sehr selten werden hierzulande gotische Statuen gefunden, hauptsächlich welche aus den Epochen Barock und Rokoko. Vielfach auch von den bekannten Barockschnitzern aus der Region – darunter Andreas Kölle vom Oberen Gericht, der Kappler Johann Ladner oder Familienmitglieder der Schnitzerfamilie Witwer aus Imst, von denen unter anderem auch die Figuren in der Maria-Hilf-Kapelle stammen.

Fachwissen, Feingefühl und handwerkliches Geschick

Jenifer Mathols Antwort auf die Frage, was man in ihrem Beruf unbedingt mitbringen sollte, kommt wie aus der Pistole geschossen: „Ein sehr gutes Fachwissen, Feingefühl und ein handwerkliches Geschick.“ Kleiner Nachsatz: „Wenn man ein Gemälde restauriert, muss man wissen, wie ein Untergrund aufgebaut ist und wie man Farben mischen kann – man braucht daher auch ein kunsthistorisches Wissen, um Fragen zu klären, wie welche Materialien in der jeweiligen Zeit zum Einsatz kamen.“ Dabei kennt Jenifer Matzohl auch herausfordernde Momente: Bei der Restaurierung der Kapelle Wiese in Kappl im Jahr 2014 traf sie auf ein Bild des Gottvaters, dessen Oberfläche so porös war, dass sie mit besonderer Behutsamkeit arbeiten musste.

Neben ihrer Tätigkeit als Vergolderin und Restauratorin ist die verheiratete Mutter zweier Söhne auch künstlerisch aktiv. Als bildende Künstlerin stellte sie bereits mehrfach aus. „Mein inneres Gefühl sagt mir, dass ich zukünftig mehr im künstlerischen Bereich tätig sein möchte“, gesteht Jenifer. Ihr Credo: „Ich möchte einfach Werke für die Zukunft schaffen, damit mein Handwerk erhalten bleibt“, und meint damit, dass irgendwann ihre Bilder restauriert werden sollen. „Das Handwerk, das ich gelernt habe, sollte dabei natürlich einfließen“, gesteht sie. Ihr Wissen gibt Jenifer auch gern weiter – etwa an Praktikantinnen. Ebenso an Teilnehmer*innen ihrer Kunstkurse, die sie seit November 2025 in der Schnitzschule  Geisler-Moroder in Elbigenalp hält. Drei Kurse sind für heuer schon fixiert.

Text: Elisabeth Zangerl Fotos: Larissa Zauser

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