
Stress, Dauererreichbarkeit, Perfektionsansprüche und der Wunsch, allem gerecht zu werden: Viele Menschen funktionieren im Alltag scheinbar reibungslos und merken erst spät, dass etwas aus dem Gleichgewicht geraten ist. Versteckte Süchte und problematische Verhaltensmuster sind ein zentrales Thema unserer Zeit und eines, über das kaum gesprochen wird. Auch, weil viele dieser Verhaltensweisen gesellschaftlich akzeptiert und sogar positiv bewertet werden.
Nicht immer sind es Krisen oder offensichtliche Brüche, die signalisieren, dass etwas im eigenen Leben nicht mehr stimmig ist. Oft ist es eine leise Verschiebung im Alltag, die lange unbemerkt bleibt, oder das Gefühl, ständig unter Strom zu stehen und nicht wirklich zur Ruhe zu kommen. Problematische Verhaltensweisen entwickeln sich selten plötzlich. Sie wachsen meist schleichend, eingebettet in Routinen, die zunächst sogar hilfreich erscheinen. Im Park Igls Medical Spa Resort in Innsbruck-Igls begegnen Gäste diesem Thema oft ganz beiläufig etwa in Workshops, im Austausch mit Ärztinnen und Ärzten oder in einem freiwilligen psychologischen Gespräch. Gerald Autengruber, Psychologe im Park Igls, erklärt, woran man problematische Entwicklungen erkennt, warum die Grenzen oft fließend sind und weshalb frühe Prävention so entscheidend ist.
eco.nova: Wenn wir über das Thema Sucht sprechen: Ab wann wird ein Verhalten problematisch und was gilt heute überhaupt als Sucht?
Gerald Autengruber: Gerade bei so genannten Verhaltenssüchten ist die Abgrenzung schwierig. Mit der ICD-11 wurden Glücksspielsucht sowie Computer- und Mediensucht offiziell als Suchterkrankungen anerkannt, da ähnliche biochemische Prozesse im Gehirn ablaufen wie bei Substanzkonsum. Begriffe wie Arbeits- oder Sportsucht sind wissenschaftlich nicht eindeutig klassifiziert und werden eher als problematische Verhaltensweisen bezeichnet. Entscheidend ist jedoch nicht die Definition, sondern der Leidensdruck. Wenn ein Verhalten andere Lebensbereiche wie Beziehungen, Erholung oder Gesundheit verdrängt, sollte man genauer hinschauen.
Wo verläuft die Grenze zwischen Gewohnheit und Problemverhalten?
Diese Grenze ist tatsächlich sehr schwer zu ziehen, auch weil viele dieser Verhaltensweisen in erster Linie nicht problematisch sind bzw. erscheinen und gesellschaftlich anerkannt oder sogar erwünscht sind. Arbeit ist dafür ein gutes Beispiel. Engagement, Leistungsbereitschaft und ständige Erreichbarkeit werden häufig positiv verstärkt. Ein wichtiger Orientierungspunkt ist die Frage nach der Funktion: Wozu dient mir dieses Verhalten? Wenn ich merke, dass ich damit anderen Lebensbereichen ausweiche oder Verantwortung vermeide, liegt ein Problem vor, unabhängig davon, wie wir es benennen.
Wann und wie bemerken Menschen selbst, dass etwas aus dem Gleichgewicht geraten ist?
Oft zeigen sich zunächst diffuse Anzeichen wie steigender Stress, innere Unruhe, Schuld- oder Schamgefühle, von denen nicht klar ist, woher sie kommen. Häufig dient das Verhalten auch dazu, andere Belastungen zu kompensieren. Jemand arbeitet zum Beispiel sehr viel, weil ihn das Familien- oder Beziehungsleben überfordert. Dann ist das Verhalten problematisch, die eigentliche Not liegt jedoch tiefer.
Haben sich problematische Verhaltensweisen in unserer Zeit verändert oder verstärkt?
Das lässt sich schwer verallgemeinern. Was sicher zugenommen hat, ist die Sichtbarkeit, vor allem durch soziale Medien. Probleme werden dort inszeniert, bekommen Aufmerksamkeit, Zuspruch und Likes. Gleichzeitig ermöglichen digitale Medien eine dauerhafte Ablenkung und Stimulation. Likes und neue Inhalte lösen Dopamin-Ausschüttungen aus, was zu einer Suchtspirale führen kann, da das Gehirn ständig neue Reize sucht und kaum mehr zur Ruhe kommt.
Gibt es klare Warnsignale, bei denen man aufmerksam werden sollte?
Ein zentrales Warnsignal ist der Verlust von Kontrolle. Wenn es mir schwerfällt, selbst zu entscheiden, wann ich mit einer Tätigkeit beginne, wie lange ich etwas mache und wann ich wieder aufhöre, sollte ich genauer hinschauen. Auch das Verhalten außerhalb des passenden Kontexts ist ein Hinweis, etwa, wenn ich in sozialen Situationen ständig am Handy bin. Ein weiteres wichtiges Signal ist die Rückmeldung von außen – Angehörige klagen oft über den sozialen Rückzug von Betroffenen. Sehr häufig spüren Betroffene zudem einen steigenden (Leidens-)Druck, sobald das Verhalten unterbrochen wird. Ruhe wird nicht mehr als Erholung erlebt, sondern als Bedrohung. All diese Signale sind Hinweise darauf, dass ein Mensch versucht, mit innerem Druck umzugehen, und emotionalen Herausforderungen begegnet. Je früher sie wahrgenommen werden, desto größer ist die Chance, wieder zu einem gesunden, selbstbestimmten Umgang zurückzufinden.
Welche Hilfestellung kann der Aufenthalt im Park Igls bieten?
Im Park Igls Medical Spa Resort sind die Einstiegshürden bewusst niederschwellig. Viele Gäste kommen zunächst in offene Workshops oder Gespräche, um sich ein Bild zu machen. Oft entsteht daraus der Wunsch nach einem vertiefenden psychologischen Gespräch. Auch ärztliche Empfehlungen führen häufig zu dieser Auseinandersetzung. In unserem De-Stress-Programm zum Beispiel sind psychologische Coachings bzw. Gesprächstherapien von vornherein inkludiert. Viele Menschen spüren, dass sie gestresst oder erschöpft sind, wissen aber nicht, warum. Im Gespräch wird oft erst klar, welche Themen tatsächlich dahinterstehen. Für viele ist es eine große Erleichterung, das benennen zu können und zu merken, dass man nicht erst handeln muss, wenn alles zusammenbricht. In Wirklichkeit wäre es gut, viel früher anzusetzen. Mit präventiven Maßnahmen ließen sich sehr viele schlimme Verläufe vermeiden. Wenn Menschen das Gefühl haben, sie können nicht darüber reden, was sie belastet, oder nicht die passende Anlaufstelle dafür finden, kann das auf Dauer zu schwerwiegenden psychischen Erkrankungen wie Depressionen oder Angstzuständen und in letzter Konsequenz sogar zu Suizidgedanken führen.
Kann man Sucht- oder problematisches Verhalten durch gesündere Routinen ersetzen?
Grundsätzlich klingt der Gedanke logisch. Das Nervensystem muss erfahren, dass Sicherheit und Stabilität auch ohne Zwang, Überleistung oder Daueraktivität möglich sind. In der Praxis sehen wir allerdings häufig, dass es dabei oft zu einer Verschiebung kommt. Ein klassisches Beispiel: Jemand reduziert die exzessive Arbeit, füllt den frei werdenden Raum aber sofort mit Sport. Problematisch ist es vor allem dann, wenn man mit seinem (Sucht-)Verhalten versucht, einen anderen Bereich seines Lebens zu kompensieren oder daraus zu flüchten. Wenn zum Beispiel das eigentliche Problem in der Familie oder in einer Beziehung liegt und ich deshalb viel arbeite, dann ist nichts gewonnen, wenn man seine Arbeit reduziert und die Zeit dann in Vereinsaktivitäten oder Kartenspielrunden investiert, nur um weiterhin nicht nach Hause zu müssen.
Die Wege zur Veränderung führen häufig über Achtsamkeit und Selbstbeobachtung. Kann man achtsam sein lernen?
Die meisten Dinge lassen sich lernen, Verhaltens- genauso wie Denkweisen. Am Anfang geht es dabei um Akzeptanz. Erst sobald ich erkannt habe, dass etwas in meinem Leben in Schieflage geraten ist und akzeptieren kann, dass ich eventuell Hilfe benötige, werde ich auch handeln können. Bei diesem ersten Vorstoß in Richtung Erleichterung kann eine psychologische Beratung helfen, den Status quo zu analysieren und nächste mögliche Schritte zu identifizieren. Letztlich ist Achtsamkeit nichts Mystisches, sondern vor allem Übung. Und Geduld mit sich selbst. Genau daran scheitert es allerdings oft. Ein einzelnes Yoga-Retreat oder ein Achtsamkeitswochenende reicht dafür in der Regel nicht aus. Es geht darum, sich immer wieder zu fragen: Was mache ich gerade? Wie geht es mir dabei? Und vor allem: Warum mache ich das eigentlich? Genau dafür bietet das Park Igls einen geschützten Raum. Entscheidend ist, gemeinsam herauszufinden: Was braucht diese Person gerade? Je individueller die Auswahl der Interventionen und Techniken, desto wirksamer sind sie. Oft haben wir auch sehr hohe Ansprüche an uns selbst. Ein Thema in der Arbeit ist daher, diese Ansprüche behutsam aufzuweichen, ohne Leistung oder Engagement grundsätzlich infrage zu stellen. Veränderung von problematischen Verhaltensmustern bedeutet nicht, Leistung, Disziplin oder Engagement aufzugeben. Es geht darum, frei wählen zu können statt innerlich getrieben zu sein. Wenn Menschen lernen, sich auch im Nichtfunktionieren wertvoll zu fühlen, verliert das versteckte Suchtverhalten seine Macht.
Was können Gäste aus dem Park Igls mit in ihren Alltag nehmen?
Ich plädiere immer für kleine, realistische Veränderungen. Man sollte nicht versuchen, alles mitzunehmen, was während des Aufenthalts gut funktioniert, weil die geschützte Atmosphäre des Park Igls ein anderes Setting bietet als der Alltag zuhause. Kleine Schritte, die leicht umsetzbar sind, haben die größte Wirkung. Sie stärken die Selbstwirksamkeit und das Gefühl, tatsächlich etwas verändern zu können. Entscheidend ist, die Funktion hinter dem Verhalten zu verstehen und sich wieder Wahlfreiheit zu erarbeiten: selbst entscheiden zu können, wann und in welchem Ausmaß man etwas tut. Genau darin liegt der zentrale Wert psychologischer Begleitung und ein wichtiger Teil der präventiven Arbeit im Park Igls.
Interview: Marina Bernardi Fotos: Andreas Friedle

