
Pumpspeicherkraftwerke sind entscheidend für die Versorgungssicherheit, ihre Einbettung in die Topografie eine technische Meisterleistung. TIWAG-Vorstandsdirektor Michael Kraxner setzt mit eingefrorenen Preisen auf Verlässlichkeit und Flexibilität in Erzeugung und Verbrauch. Im Interview spricht er über die Synergie von Wasser- und Windkraft, den unterschätzten Stellenwert von Speicherkapazitäten als Hochwasserschutz und die Architektur eines Energiesystems, das ohne fossile Brennstoffe auskommt.
eco.nova: Die TIWAG hat den Arbeitspreis bis 2028 eingefroren. In einem volatilen Marktumfeld ist das eine durchaus mutige Ansage. Wie kann sich das Unternehmen diese Planungssicherheit für ihre Kund*innen wirtschaftlich leisten? Michael Kraxner: Wir verfügen über einen hohen Eigenerzeugungsanteil, der jedoch – besonders im Winter – nicht ausreicht, um ganz Tirol zu versorgen. Deshalb ist auch der Ausbau der Wasserkraft notwendig. Zudem agieren wir im Handel mit Spitzenstrom sehr erfolgreich und planen vorausschauend. Wir sind auf diese Weise breit und robust aufgestellt wie nur wenige Energieversorger in Europa. Das ermöglicht es uns, dass wir unseren Kund*innen eine sichere Perspektive mit stabilen und günstigen Strompreisen geben können. Unsere Wertschöpfung fließt wiederum in den Ausbau der Erneuerbaren und in Form einer Dividende zurück an das Land – und kommt dadurch indirekt auch wieder der Tiroler Bevölkerung zugute.
Der Stromhandel an der Börse wird in der Öffentlichkeit teilweise kritisch gesehen. Fakt ist aber doch, dass er die Profitabilität stützt, Dividenden ans Land ermöglicht und das Stromsystem stabilisiert. Was muss getan werden, um das öffentliche Verständnis dafür zu schärfen, dass der Börsenhandel kein „Casino“, sondern eine Notwendigkeit ist? Die Marktliberalisierung und der Strombörsehandel sind zentrale Bestandteile des europäischen Energiesystems. Sie haben über die Jahre günstige Strompreise überhaupt erst ermöglicht. Der Handel ist auch notwendig, weil wir im Winter viel zu wenig Strom erzeugen, um den Energiebedarf der Tiroler*innen zu decken. Diese Winterlücke müssen wir durch den Stromeinkauf schließen. Umgekehrt können wir Stromüberschüsse im Sommer bei Spitzenenergiebedarf im Energiehandel erfolgreich platzieren oder gegen Winterenergie eintauschen. Wir müssen jedenfalls deutlicher kommunizieren, wie sehr die Bevölkerung von den flexiblen Kraftwerkskapazitäten der TIWAG profitiert – durch günstige Strompreise, Dividenden und Investitionen in eine sichere Energiezukunft, die ohne fossile Brennstoffe auskommt.
Neben dem Handel setzen Sie auch auf neue Erzeugungsformen. Die TIWAG hat kürzlich Windkraft in ihr Portfolio aufgenommen. Trägt das dazu bei, mit Eigenerzeugung die Winterlücke zu schließen? Ja, denn Wasser- und Windkraft ergänzen sich in ihrer Saisonalität ideal. Durch die gezielte Integration von „winterstarker“ Windkraft in unser Portfolio tragen wir wesentlich dazu bei, die Winterlücke zu schließen. Was die Eigenerzeugung direkt bei uns betrifft: Tirol ist aufgrund seiner topografischen Gegebenheiten ganz klar für die Wasserkraft prädestiniert. Deshalb ist es bei der Windkraft sinnvoll, die ersten Erfahrungen an Standorten mit hoher Ertragskraft zu sammeln und dabei mit erfahrenen Partnern zusammenzuarbeiten. So binden wir bis 2027 rund 120 GWh Windstrom in unser Portfolio ein und versorgen damit 34.000 Haushalte. Gleichzeitig nutzen wir diese Kooperationen, um eigenes Know-how aufzubauen. Das schafft die Grundlage, um potenzielle Windkraftprojekte in Tirol zuverlässig zu beurteilen und gegebenenfalls umzusetzen.
Alle wollen günstigen Strom, niemand will ein Kraftwerk vor der Haustür. Wie will die TIWAG diesen Widerspruch auflösen und die Akzeptanz für den Ausbau der Wasserkraft in der Bevölkerung sichern? Das ist tatsächlich eine schwierige Aufgabe. Wir müssen konsequent, transparent und vor allem bürgernah kommunizieren und so der Mythenbildung etwas entgegensetzen oder idealerweise zuvorkommen. Wir nehmen Bedenken ernst und setzen uns sachlich damit auseinander und wollen die Tiroler*innen von der Notwendigkeit des Ausbaus der Erneuerbaren – vor allem der Wasserkraft – überzeugen. Da müssen wir noch besser werden.
Flexibilität beim Energieverbrauch macht sich durch neue Tarifmodelle bezahlt. Was bedeutet das für die Kund*innen, für den Energieversorger und das gesamte Energiesystem? Flexibilität ist das Gold der Energiewende. Energieversorgungsunternehmen, die flexibel Energie bereitstellen können, und Kund*innen, die diese flexibel konsumieren können, profitieren. Mit Tarifen wie „dual fix“ setzen wir einen klaren finanziellen Anreiz, Strom genau dann zu verwenden, wenn er am günstigsten ist – konkret von April bis September zwischen 10 und 16 Uhr, wenn die Kapazität der Photovoltaik am größten ist. Wir reduzieren den Arbeitspreis in diesem Zeitraum um 50 Prozent und wollen damit die Netze genau dann entlasten, wenn am meisten Energie vorhanden ist. Den Menschen muss klar sein, dass Produktion und Verbrauch sich jederzeit zu hundert Prozent decken müssen, sonst wird eine Energieüber- bzw. -unterdeckung provoziert, welche am Ende zu sehr teuren Energiepreisen führt.
Sind neue Tarifmodelle bereits die Vorboten der Smart Grids von morgen? Welche technischen Voraussetzungen müssen Kund*innen erfüllen, um wirklich davon zu profitieren? Verändertes Verbrauchsverhalten führt zu direkten Preisvorteilen. Smart Grids werden aber für Konsument*innen noch viel mehr Möglichkeiten bieten, um beispielsweise auf Preissignale automatisiert zu reagieren. Voraussetzung dafür ist ein Smart Meter mit aktivierter Viertelstundenauslesung. Das ermöglicht zusätzlich einen um 20 Prozent reduzierten Netztarif. Unser Tarif „smart flex“ sorgt heute schon dafür, dass „smarte“ Verbraucher – wie eine Wärmepumpe, der Batteriespeicher oder ein Elektroauto – dann automatisch aktiviert werden, wenn der Strompreis am günstigsten ist, ohne auf den Komfort zu verzichten. Ist der Preis an der Börse gerade negativ, kann man sogar Geld verdienen, wenn man seinen Verbrauch gezielt steuert.
Durch den Klimawandel gehen die alpinen Gletscher zurück. Wie wirkt sich der veränderte Wasserhaushalt auf die zukünftige Leistungsfähigkeit der Wasserkraft in Tirol aus? Der Klimawandel ist eine der größten Herausforderungen der Menschheit – die Energiewende ein maßgeblicher Baustein zu dessen Bewältigung. Durch den Temperaturanstieg verändern sich langfristig die Abflussmuster. Für unsere speichergestützten Anlagen wird das in den nächsten Jahrzehnten kein großes Thema sein, weil die Speicher die veränderten Flüsse aufnehmen. Der Klimawandel lässt einerseits die Gletscher schmelzen, andererseits steigt die Schneefallgrenze und im Winter fällt mehr Niederschlag als Regen. Durch höhere Regenwasserabflüsse dürfte im Winter sogar eine höhere Stromerzeugung möglich sein als bisher. Das zeigen unsere Prognosen. Wir bereiten uns also aktiv darauf vor, die Kraft des Wassers auch unter veränderten Bedingungen optimal und sicher zu managen. Gerade bei zunehmenden Wetterkapriolen – besonders Starkregenereignisse – haben unsere Speicher auch eine Schutzfunktion für die unterliegenden Talschaften und den Siedlungsraum. Wir halten auch Kapazitäten vor, damit unsere Speicher allfällige Starkregen aufnehmen können.
Wasserkraft ist das Fundament der erneuerbaren Energieerzeugung in Tirol. Wie sieht es bei Photovoltaik, Windkraft und nicht zuletzt Wasserstoff aus? Wir müssen uns vom Entweder-oder-Denken verabschieden. Es braucht einen Mix aus allen nachhaltigen Technologien, damit uns die Energiewende gelingt. Ich bin aber der Meinung, jede Region sollte zunächst das beitragen, was dort am effizientesten ist. Im Burgenland wird man kein Pumpspeicherkraftwerk bauen, wir tun uns in Tirol aufgrund der Topografie schwerer mit großen Windkraftanlagen. Wir sind bereits einer der größten Betreiber von PV-Anlagen in Tirol und werden bald eine Wasserstoffanlage in Betrieb nehmen. Bei der Windkraft sammeln wir gerade Erfahrungen. Wir halten unsere Augen und Ohren offen, welche Technologien für uns sinnvoll und tragfähig sind. Wasserkraft wird zweifellos das Rückgrat der Tiroler Energieerzeugung bleiben. Sie ist unser Steckenpferd. Wir haben hier in Tirol eine ausgezeichnete Ausgangsbasis für die Energiewende. Wir haben Potenzial, das wir noch besser nutzen sollten. Jetzt geht es darum, die Gesellschaft auf diesem Weg mitzunehmen und sie von den Vorteilen für heute und die kommenden Generationen zu überzeugen.
Interview: Marian Kröll
Fotos: TIWAG/Berger

