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Life

Too Good To go

4.9.2026

Lebensmittel werden meist zum Vollpreis verkauft oder landen in der Mülltonne. Too Good To Go zeigt, dass es auch anders geht. Mit Country Director Georg Strasser-Müller sind wir der Frage nachgegangen, warum Lebensmittel verschwendet werden und was jeder Einzelne dagegen unternehmen kann.

eco.nova: Too Good To Go versteht sich als Social-Impact-Unternehmen. Wie manifestiert sich dieser Impact in der Praxis? Georg Strasser-Müller: Als zertifizierte B Corp bezeichnen wir uns als Social-Impact-Unternehmen, weil Too Good To Go die Vision einer Welt ohne Verschwendung verfolgt und unser Geschäftserfolg direkt an eine gesellschaftliche und ökologische Mission gekoppelt ist. Nur wenn wir Lebensmittel, Pflanzen oder Tiernahrung vor der Verschwendung bewahren, können wir das in vermiedenen CO₂-Emissionen sowie geschonten Wasser- und Landressourcen messen. Zudem sind wir als B Corp Unternehmen dazu verpflichtet, regelmäßig Rechenschaft abzulegen in Form unseres jährlichen Impact Reports. Hier legen wir unsere Wirkung offen und lassen uns daran messen: von unseren Mitarbeiter*innen, unseren Nutzer*innen und unseren Partner*innen. Es ist ein Schritt zu radikaler Ehrlichkeit – und eine Chance zur Selbstreflexion, um noch besser zu werden.

Damit dieser Impact wirksam werden kann, braucht es ein funktionierendes Geschäftsmodell. Wie sieht das aus? Wie genau profitieren die Partnerbetriebe finanziell, und wo liegt der konkrete Gewinn für die Konsument*innen, abgesehen vom günstigen Preis? Traditionell gibt es meist nur zwei Zustände für Lebensmittel: Entweder werden sie zum vollen Preis verkauft – oder nach Ladenschluss entsorgt. Wir basieren auf der Idee, dass es einen dritten Zustand gibt: Produkte mit verborgenem Wert. Unseren Partner*innen helfen wir dabei, diesen Wert freizusetzen, statt Entsorgungskosten zu zahlen. Wir geben ihnen eine einfache Möglichkeit, nach eigenem Ermessen Lebensmittel an Menschen weiterzugeben, die sie wirklich genießen, und damit zumindest einen Teil ihrer Kosten zu decken. Und unsere Konsument*innen erleben ein tolles Preis-Leistungs-Verhältnis, während sie sich gleichzeitig für die Umwelt stark machen. Wenn wir eine Welt wollen, in der wir zuerst jene Dinge nutzen, die bereits vorhanden sind, braucht es ein funktionierendes Geschäftsmodell, daher ist unsere Mission direkt an unsere Wirkung und unseren finanziellen Erfolg gekoppelt. Wenn niemand mit uns Lebensmittel, Pflanzen oder Tierfutter vor der Verschwendung rettet, verdienen wir am Ende auch nichts. Doch nur so können wir unsere Mitarbeiter*innen bezahlen, die App weiterentwickeln, Kampagnen finanzieren und auch politisch oder gesellschaftlich aktiv sein. Oft kommt die Frage, warum das nicht alles gratis ist – aber am Ende muss das jemand stemmen. Gleichzeitig wollen wir nicht von Spenden abhängig sein, sondern ein selbsttragendes System aufbauen. Die letzten zehn Jahre haben gezeigt, dass dies erfolgreich möglich und unsere Reise noch nicht zu Ende ist.

Blicken wir auf die Zahlen: Wie viele Konsument*innen und Partnerbetriebe setzen in Österreich bereits auf Too Good To Go? In Österreich haben wir seit Beginn mehr als 19 Millionen Sackerl und 250.000 Pakete gerettet mit einer Community aus mehr als 2,5 Millionen Nutzer*innen und 6.500 Partnerbetrieben.

Wer sind aktuell Ihre wichtigsten Partnerbetriebe, und in welchen Segmenten sehen Sie in Österreich das größte Wachstumspotenzial? Der Handel macht rund 50 Prozent aus, die andere Hälfte entfällt auf Gastronomie, Bäckereien, Hotels und ähnliche Betriebe. Durch die Größe von Handelsketten wie Spar oder Hofer sind diese in der App natürlich besonders präsent, weil sie viele Filialen haben. Insgesamt ist es aber etwa eine 50:50-Verteilung zwischen Handel und den klassischen Gastronomie- und Bäckereipartner*innen. Neben den etablierten Partnerschaften bauen wir unser Angebot in allen Bereichen stetig weiter aus, um noch mehr Betrieben und Segmenten eine einfache Lösung gegen Verschwendung zu bieten. In den letzten Jahren sind so beispielsweise hagebau und Obi hinzugekommen sowie eine Vielzahl an kleineren Floristen, die Blumen und Pflanzen als völlig neue Option für uns eröffnet haben.

In Österreich werden jährlich mehr als 1,2 Millionen Tonnen Lebensmittel verschwendet. Worin sehen Sie die Hauptgründe für diese gravierende Verschwendung entlang der Wertschöpfungskette? In privaten Haushalten liegt es häufig an den klassischen Punkten: Lebensmittel werden falsch gelagert und verderben dann, es wird zu viel eingekauft und – leider auch immer noch ein häufiges Problem – das Mindesthaltbarkeitsdatum missverstanden. Gehen wir weiter zurück in der Wertschöpfungskette, sind die Gründe natürlich vielfältig: von Ernteausfällen bis Überproduktion. Wir stellen uns hier deshalb auch sukzessiv breiter auf. Mit unserer Lieferoption geben wir Marken oder Zwischenhändler*innen die Chance, länger haltbare Lebensmittel über uns an Endkonsument*innen weiterzugeben. Wir kaufen Produkte, die beispielsweise eine neue Verpackung erhalten haben, wo Etiketten verändert werden mussten oder das Mindesthaltbarkeitsdatum nicht mehr für den Handel ausreicht. Diese werden dann in Pakete verpackt und via unserer App verkauft. So müssen diese Produkte nicht vernichtet werden, sondern finden doch noch den Weg in den Vorratsschrank. Ein klarer Gewinn in meinen Augen.

Gehen Sie mit Blick auf die Inflation und die gegenwärtigen Krisen, die die globale Ernährungssicherheit bedrohen, davon aus, dass zukünftig ein Umdenken stattfindet und weniger in der Tonne landet? Als wir 2019 gestartet sind, war die Hauptmotivation ganz klar Nachhaltigkeit – also durch Lebensmittelrettung etwas Sinnvolles tun. Dazu kam dieser Überraschungseffekt: Man bekommt ein Sackerl und weiß nicht genau, was drin ist. Heute hat sich die Motivation verschoben, der Aspekt des Geldsparens ist sehr viel präsenter. Nachhaltigkeit spielt weiterhin eine Rolle, aber die Verschmelzung zwischen gutem Tun und Geldsparen ist spürbar. Der wirtschaftliche Aspekt ist stärker in den Vordergrund gerückt. Das hat sich vor allem ab 2022, 2023 deutlich gezeigt, als die Nachfrage stark angezogen hat. Heute ist das auf einem sehr hohen Niveau angekommen.

Welche systemischen Möglichkeiten oder politischen Rahmenbedingungen braucht es neben der Nutzung Ihrer App, um gute Lebensmittel noch vor der Verschwendung zu retten? Hier braucht es einen multifaktoriellen Ansatz. Im politischen Bereich wünschen wir uns mehr Transparenz durch eine verpflichtende Berichterstattung. Betriebe sollten klar dokumentieren, wie viele Lebensmittelüberschüsse entstehen, wie viel davon verwertet oder gespendet wird. Österreich ist hier grundsätzlich auf einem guten Weg, aber es braucht noch konsequentere Umsetzung. Ein zweiter wichtiger Punkt ist das Mindesthaltbarkeitsdatum. Unsere Studien zeigen, dass rund zehn Prozent der Lebensmittelüberschüsse auf Missverständnisse in diesem Bereich zurückzuführen sind. Viele Produkte wären noch einwandfrei genießbar, werden aber dennoch entsorgt. Hier braucht es einerseits mehr Aufklärung im privaten Raum und andererseits eine ehrliche Diskussion darüber, wo ein Mindesthaltbarkeitsdatum tatsächlich sinnvoll ist. Insgesamt sollte das System einfacher und verständlicher werden. Auch das ist aus unserer Sicht eine klare Aufgabe für die Politik, um Lebensmittelverschwendung weiter zu reduzieren. Zusätzlich müssen wir weiter daran arbeiten, das Bewusstsein der Menschen zu schärfen. Die wenigsten wissen, dass 40 Prozent aller Lebensmittel niemals den Weg auf unsere Teller finden. Das wären bei einer Pizza mit acht Stücken drei, die sofort im Abfall landen. Sich diese Fakten vor Augen zu führen, hilft, bessere Gewohnheiten zu etablieren.

Haben wir es im Nahrungsmittelbereich nicht mit einer systematischen Überproduktion zu tun? Als Konsument*innen sind wir volle Regale bis zum Ladenschluss gewohnt. Ist bedarfsgerechtere Produktion nicht eigentlich der größte Hebel, die Verschwendung einzudämmen? Bewusste Überproduktion macht wirtschaftlich gesehen keinen Sinn, ist aber oft ein Resultat aus eben jenem Anspruch, auch fünf Minuten vor Ladenschluss noch die volle Auswahl zu haben. Auch hier sollte beides wieder Hand in Hand gehen. Als Konsument*innen sollten wir hinterfragen: Ist das wirklich meine Erwartungshaltung? Und bin ich bereit, die Umwelt den Preis dafür bezahlen zu lassen? Gleichzeitig sollte für Unternehmen das Entsorgen von Produkten immer weniger attraktiv und stattdessen alternative Lösungen gefördert werden. Durch KI wird die Kalkulation immer genauer, am Ende weiß jedoch niemand, was genau verkauft wird. Ein gewisses Maß an Ungenauigkeit wird also vorhanden bleiben, das Dazwischen gilt es zu optimieren und zu hinterfragen.

Bietet Too Good To Go mit seiner App nicht eine technologische Lösung für ein Problem an, das primär durch ein ungesundes – man könnte auch sagen dekadentes – Mindset von Konsument*innen und Produzent*innen verursacht wird? Die App ist kein Pflaster, das den eigentlichen Grund der Verschwendung kaschiert, sondern ein Werkzeug zur Bewusstseinsbildung. Wir bringen Menschen und Betriebe wieder dazu, den tatsächlichen Wert von Essen zu schätzen. Eine technologische Lösung ist der pragmatische Startpunkt, um das Verhalten im Alltag Schritt für Schritt nachhaltig zu verändern.

Viele Konsument*innen verwechseln das Mindesthaltbarkeitsdatum mit einem Verfallsdatum. Sie steuern mit der Kampagne „Oft länger gut“ dagegen. Ist das klassische MHD, so wie es heute genutzt wird, eigentlich kontraproduktiv für die Lebensmittelrettung? Es ist auf jeden Fall ein Punkt, der viel Aufklärungsbedarf hat. Mit unserer „Oft länger gut“-Kampagne wollen wir die Menschen wieder daran erinnern, dass es einfache Wege gibt, zu prüfen, ob Lebensmittel noch gut sind. Zuerst schauen – ist es pelzig oder hat sich die Konsistenz schon stark verändert – riechen – ist der Geruch deutlich anders als gewohnt, vielleicht beißend oder scharf – und zuletzt schmecken – wenn es gut aussieht und gut riecht, dann schmeckt es oft auch noch. Dabei spielt es keine Rolle, ob das MHD erreicht ist oder nicht, auch vorher kann die Kühlkette unterbrochen und das Produkt gekippt sein. Also lieber zwei Mal hinschauen, als zu schnell gute Produkte entsorgen.

Warum brauchen Lebensmittel wie Salz, das Millionen Jahre im Berg eingeschlossen war, oder Honig überhaupt ein Ablaufdatum? Der Grund dafür ist primär rechtlicher Natur: Die EU-Verordnung schreibt für fast alle verpackten Lebensmittel ein MHD vor, um Konsument*innen Produktsicherheit zu garantieren. Der Hersteller garantiert bis zu diesem Datum, dass das Produkt seine ursprünglichen Eigenschaften – wie Rieselfähigkeit bei Salz oder Konsistenz und Aroma bei Honig – einschränkungslos behält. Gleichzeitig gehen jedoch rund zehn Prozent der Lebensmittelverschwendung in der EU auf Missverständnisse mit dem MHD zurück. Zumeist, weil es mit dem Verfallsdatum, welches auf frischem Fleisch oder Fisch zu finden ist, verwechselt wird. Deshalb ist es so wichtig, sich auf die eigenen Sinne zurückzubesinnen, bis es hier zu einer grundlegenden Überarbeitung kommt.

Kritiker bemängeln immer wieder, dass Too Good To Go in direkter Konkurrenz zu karitativen Einrichtungen wie den Sozialmärkten oder den Tafeln steht. Nehmen Sie diesen Organisationen nicht genau jene Lebensmittel weg, die früher gespendet wurden, weil Supermärkte nun durch Ihre App doch noch einen finanziellen Restwert generieren können? Bei Too Good To Go vertreten wir seit jeher die Position, dass der effizienteste Weg zur Bekämpfung von Lebensmittelverschwendung ein breit gefächerter Lösungsansatz ist. Es werden noch immer weitaus mehr Lebensmittel verschwendet als derzeit gerettet werden können. Unternehmen benötigen daher Flexibilität und verschiedene Lösungswege, um Abfälle effektiv zu reduzieren. Als Plattform bringt Too Good To Go Betriebe und Nutzer*innen zusammen, welcher Weg gegen Lebensmittelverschwendung im konkreten Fall am effizientesten ist, entscheiden letztlich die Händler*innen und Partner*innen selbst. Sozialmärkte und Tafeln leisten seit Jahrzehnten eine wichtige Arbeit, können aber aus hygienerechtlichen, logistischen oder personellen Gründen oft nicht alle Lebensmittel abnehmen. Mit der App von Too Good To Go können haushaltsübliche Mengen und bereits zubereitete Lebensmittel mit kurzer Haltbarkeit flexibel und tagesaktuell für Selbstabholer*innen angeboten werden. Daher sollten wir beides als komplementäre Lösungen ansehen, die nur eine Konkurrenz haben: die Mülltonne.


Interview: Marian Kröll
Fotos: Roberto Maccariello, Too Good To Go

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