
Staubsaugergeräusche dringen aus dem Erdgeschoss eines Gewerbegebäudes in der Innsbrucker Rossau. Nach mehrmaligem Klopfen steckt Rita Schneeberger ihren Kopf aus der Tür im schwarzlackierten Metalltor ins Freie. Sie hat mit ihrem Partner Lukas Klestil erst noch die Werkstatt auf Vordermann gebracht. Es ist Nachmittag. Da ist es also: Schaum, die gemeinsame, erst heuer gegründete Unternehmung der beiden.
Rita Schneeberger ist Architektin und Industriedesignerin, hat an der Angewandten in Wien beim deutschen Industriedesigner Stefan Diez studiert. Lukas Klestil ist Künstler, Fotograf und Musiker. Ein Foto seines Großvaters hing zeitweilig in allen Klassenzimmern des Landes, mittlerweile ist es ausgemustert. Klestil und Schneeberger verbindet eine Vision. Und die Bereitschaft auszuprobieren, wie weit sie damit kommen. Rita Schneeberger arbeitet zwischendurch als DJ und modelt. Von Schaumschlägerei kann also bei Schaum nicht im Mindesten die Rede sein. Stattdessen von einer Haltung, die vieles erreichen kann und dabei nichts erzwingen will. Das bringt man hierzulande auf die knappe Formel: „Schau ma mal.“ Da kommt er her, der namensgebende Schaum, der zudem in seinen Eigenschaften völlig konträr zum Werkstoff Metall ist, mit dem das Duo bevorzugt arbeitet. Damit wäre das geklärt.
Immer offen für alles
Die heutige Werkstatt als Angelpunkt des Schaum-Universums war früher ein ziemlich vollgeräumtes Lager, das Schneebergers Großvater und Vater, ebenfalls Architekt, genutzt haben. Hier hat Rita Schneeberger während des Studiums ihre ersten Versuche mit einem alten Schweißgerät unternommen. Ein Bettgestell, zusammengeschweißt aus Metall, mit Mühe, aber immerhin ohne Blut und Tränen. Einerseits aufgrund der zunächst sehr beengten Verhältnisse ein Tschoch, andererseits eine wunderbare, acetylengespeiste Initialzündung.
Mittlerweile bietet die Werkstatt dem Duo ausreichend Platz, Zwischenwände wurden eingerissen, Widerstände überwunden. Als erstes „echtes“ Projekt designten und produzierten die beiden die Einrichtung des Nowherestore in Innsbruck. „Wir sind keine Profis. Man hat eine Vision, die man umsetzen möchte, und schaut dann eben, wie es geht“, sagt Schneeberger rückblickend. Heute sind die Schaumwerker jedenfalls keine Anfänger mehr, aus einem autodidaktischen Experiment ist längst ein professioneller Produktionsprozess geworden. Sie haben sich im Gewerbegebiet umgesehen und mittlerweile ein Netzwerk aus Partnerbetrieben aufgebaut, das die Umsetzung der Möbelprojekte auf ein höheres Niveau hebt. Stahlbauer, Pulverbeschichter, you name it. Alles, was es braucht, findet sich im näheren Umkreis der Werkstatt. Auch so kann Regionalität aussehen. „Möbel machen normalerweise weite Wege. Bei uns hier nicht“, sagt Schneeberger.
Kooperation ist den Schaum-Gründern nicht nur wichtig, sondern sogar eine Selbstverständlichkeit. Die Designbranche ist einigermaßen überschaubar, man kennt einander und arbeitet miteinander. So wurde gemeinsam mit den Tiroler Licht-Leuchten Christian und Florian Bartenbach von [B]ART eine Lampe entworfen. „Wir sind immer offen für alles“, sagt Schneeberger.
Auch Stahl ist genial
Behauptet wird es zwar meist vom Holz, aber damit es einmal gesagt ist: Auch Stahl ist genial. Diese Einschätzung teilen Lukas Klestil und Rita Schneeberger. Die Industriedesignerin empfindet Stahl als weiches, geschmeidiges und warmes Material. „Stahl ist verlässlich, da fühle ich mich viel mehr zu Hause als beim Holz“, setzt sie einen angenehmen Kontrapunkt zur dominanten Erzählung. Lukas Klestil kann den kolportierten meditativen Qualitäten der Holzbearbeitung nicht allzu viel abgewinnen. Er ist kein geduldiger Handwerker. „Stahl ist zunächst respekteinflößend, lässt sich aber in Wahrheit sogar leichter bearbeiten als Holz“, sagt er und findet, Stahl sei der ideale Werkstoff für Autodidakten. Wer furchtlos mit Stahl hantiert, lernt schnell. „Ich finde Holz fast ein bisschen overrated“, sagt Klestil. Das ist in Tirol fast ein Sakrileg. Natürlich lehnen die beiden auch die Arbeit mit Holz nicht ab. Bei Schaum findet man Stahl bloß eine Handbreit genialer. Berührungsängste mit neuen Materialien gibt es aber ganz allgemein nicht. „Ganz und gar nicht, Neues finden wir immer spannend“, sagt Klestil.
Durch die Bank gesellschaftskritisch
Schaum macht neben Kundenprojekten auch architektonische Interventionen. Das sind gezielte, oft temporäre Eingriffe in eine bestehende gebaute Umwelt oder Landschaft, um diese neu zu interpretieren, zu aktivieren oder zu hinterfragen. So – oder so ähnlich – lautet die gängige Definition. Welche Architektur braucht Intervention? Für Rita Schneeberger ist die Intervention auch ein Mittel gegen die Gleichförmigkeit marktgängiger Architektur(en). „Die Neubauten-Ecken in den Städten sehen heute alle gleich aus“, meint sie – leblos und trostlos. „Viele Menschen sehnen sich nach einem Ausdruck der eigenen Persönlichkeit in ihren eigenen vier Wänden – und in ihrer Umgebung“, formuliert Schneeberger ihre diesbezügliche These.
Ein solcher Schaum-Eingriff stand im Rahmen der Kunstbiennale 2026 als überdimensionales Sitzmöbel in Venedig. Diese Bank aus Metall entstand im Auftrag des befreundeten Stockholmer Designerinnenkollektivs swedish girls – schon im Herbst steht ein weiteres gemeinsames Projekt bei der Design Week in Wien an – und kommt ganz ohne Pathos aus. „Very long bench“ heißen Projekt und Produkt lapidar. Dabei hat die glänzende Langbank aus Innsbruck einen durchaus ernsten Hintergrund: In Venedig hat die Stadtverwaltung das Sitzen, Rasten und Verweilen auf Treppen, Brücken, Denkmälern und an Kanälen massiv eingeschränkt. „Man möchte dort keine konsumfreien Räume haben“, folgert Schneeberger. „Der öffentliche Raum gehört aber allen Menschen.“ Mit der Bank holt man sich ein Stück davon zurück. So geht Intervention.
Die Sprache der Farbe
Wenn nicht gerade interveniert oder ausgestellt wird, designen und bauen die beiden in ihrer Werkstatt Möbel. Bis Ende des Jahres ist eine erste kleine Schaum-Kollektion denkbar. „Wir haben zwar beide einen eigenen Stil“, sagt Schneeberger, „aber doch eine gemeinsame Formensprache“, sekundiert Klestil. Als Schneeberger in Italien bei einer Produktionsfirma jobbt, fahren die beiden zum Zweck des kreativen Austauschs miteinander Farbkarussell. „Wir haben einander Farben geschickt und mit Farben geantwortet“, so Klestil. „Das war unsere gemeinsame Sprache.“ Farben sind wichtig, sie können Räume verändern. Dort gibt der richtige Farbton den Ton an. Bei Klestil und Schneeberger muss es nicht erdig-pastellig sein. Wenn das Design so erfrischend unbarock daherkommt, darf es farblich ruhig knallen.
Rollenwechsel
Dass Möbel nicht nur formschön und funktional sein können, sondern auch unser Verhalten beeinflussen können, demonstrieren die beiden mit ihrem Fernsehständer auf Rollen – naturgemäß aus Stahl, pulverbeschichtet und in unterschiedlichen Farben verfügbar. Der war eigentlich ein Zufallsprodukt. Maximal minimalistisch lassen sich damit sogar große und schwere Flatscreen-TVs von einem Raum zum nächsten bugsieren. Auch das hat einen tieferen Sinn: „Wir wollten nicht, dass sich in den Wohnzimmern alles auf diesen einen Spot konzentriert, wo der Fernseher hängt.“ Wer kennt es nicht: Lange genug war das TV-Gerät in den Haushalten eine Art Lagerfeuer-Ersatz, um das sich alle geschart haben, um miteinander zu schweigen. Deshalb soll der TV nach den Vorstellungen der Möbelbauer von Schaum eben bloß punktuell zum Schau’n herangekarrt werden – um danach wieder in die Peripherie zu rücken. Ausgeglotzt. Auch so lässt sich die Aufmerksamkeitsökonomie managen.
Inspiriert
Freilich läuft in kreativen und produktiven Berufen nicht immer alles wie auf Rollen. Manchmal holpert es auch. „Gerade dann, wenn man sich einmal vorübergehend die Zähne ausbeißt und die Haare ausreißt, lernt man dazu“, sagt Klestil. „Und wir haben noch immer eine Lösung für jedes Problem gefunden“, ergänzt Schneeberger.
Seinen Workflow hat das Duo weitgehend digitalisiert. Das ist praktisch, weil Schneeberger mehr in Berlin ist als in Innsbruck. Bei der Planung kundenspezifischer Projekte ist aber Tuchfühlung angesagt. „Mich interessiert, wie die Menschen mit ihren Räumen interagieren. Das beeinflusst unser Design“, sagt sie. Auf ihren Reisen kämen ganz unterschiedliche Einflüsse zusammen, doch wenn sie in Tirol sei, fühle sie sich immer extra inspiriert: „Besonders dann, wenn ich in der Natur bin.“
Lukas Klestil bezieht seine Inspiration eher aus anderen Quellen. Nordkette, Patscherkofel und Co. reißen ihn nicht mehr so vom Hocker. „Mich inspirieren und beeinflussen vor allem Begegnungen mit künstlerisch tätigen Menschen“, sagt er. Er studierte an der Akademie der bildenden Künste in Wien, besuchte dort die Videoklasse, fühlte sich aber schon damals zu den Bildhauern hingezogen. Später verantwortete er für die Tiroler Künstler*innenschaft einige Jahre die Produktion von Ausstellungen. Was das Duo jedoch bei aller Verschiedenheit eint, ist eine gemeinsame Faszination für Maschinen, Techniken und Materialitäten. Mit dem geschickten Theo Gohm haben sie sich bereits vor einiger Zeit Verstärkung für die Projekt- umsetzung geholt. Die Professionalisierung geht weiter. Wohin sie noch führt? Schau ma mal. www.schaum-official.com
Text und Fotos: Marian Kröll

