
Für so manchen muss Wohnen vor allem eines sein: möglichst spektakulär. Man wohnt, um zu zeigen, nicht um zu leben. Offene Küchen mit riesigen Kochinseln, perfekt gestylte Wohnzimmer in 50 shades of Beige, makellose Schlafzimmer mit transparenten Schränken, in denen jemand lebt, der nur weiße Hemden besitzt. Der eigentlich private Rückzugsort wird zur Kulisse.
Noch nie waren wir so vielen Eindrücken und Gleichzeitigkeiten ausgesetzt wie heute. Nachrichten in Echtzeit und manchmal gefühlt noch schneller, Benachrichtigungen samt Push-Option, Videos, Werbung und soziale Medien buhlen permanent um unsere Aufmerksamkeit. Unser Gehirn ist darauf programmiert, auf Neues zu reagieren, gleichzeitig wächst dadurch die Sehnsucht nach Orten, an denen genau das nicht nötig ist. Das Daheim wird zum Gegenpol: ein Raum, der nicht fordert, sondern entlastet. Zu einem Ort, an dem wir nicht ständig entscheiden, reagieren oder funktionieren müssen.
Weniger Inszenierung, mehr Leben
Wer durch soziale Netzwerke scrollt, begegnet heute unzähligen makellosen Wohnungen. Jeder Teppich liegt faltenfrei gerade. Jede Vase steht exakt an ihrem Platz. Jedes Kissen scheint sorgfältig arrangiert. Auf dem Bett liegt eine akkurat gefaltete Tagesdecke. Perfekt sieht oft wunderschön aus. Nur manchmal fragt man sich, ob dort eigentlich jemand lebt.
Echte Wohnungen sind anders. Da liegt ein Buch aufgeschlagen auf dem Sofa, neben der Spüle stehen noch Gläser vom Abend davor, die Lieblingsdecke ist nicht dekoriert, sie wird offensichtlich genutzt. Immer mehr Menschen verabschieden sich deshalb von der Vorstellung, die eigenen vier Wände müssen aussehen wie aus dem Katalog oder ein Pinterest-Board. Das funktioniert übrigens bei Kleidung ebensowenig. Wer aussieht wie dem Schaufenster entsprungen, wirkt meist wenig authentisch. Das bedeutet nicht, auf Gestaltung zu verzichten. Im Gegenteil. Gute Gestaltung schafft die Grundlage und den Rahmen für das Leben daheim. Und dieser Lebensraum soll benutzt werden und darf durchaus so aussehen. Das verändert auch unseren Blick aufs Wohnen. Nicht weil plötzlich andere Möbel modern sind, sondern weil wir etwas anderes von unseren Räumen erwarten. Ein Zuhause soll so gestaltet sein, dass wir einen verregneten Nachmittag dort verbringen möchten, ohne das Gefühl zu haben, irgendwo anders sein zu müssen.
In Jahren voller Krisen, einer Zeit der ständigen Erreichbarkeit und einer Welt, die sich immer chaotischer dreht, wächst die Sehnsucht nach einem echten Heim. Einem, das nicht derart gestylt daherkommt, als dürfte man es nicht (be)nutzen. Das nicht für ein Foto eingerichtet scheint, sondern für einen ganz normalen Sonntag. Und in dem man nicht permanent das Gefühl hat, noch etwas verbessern zu müssen. „Slow Living“ nennt sich der Trend, der eigentlich viel mehr ist. Es ist eine Art Lebensphilosophie. Doch auch wenn es so klingen mag: Slow Living bedeutet nicht, besonders langsam zu leben und alles in Zeitlupe zu erledigen. Es geht nicht um Leinen-Tischdecken (wenngleich die tatsächlich schön und unkompliziert sind) und selbst angebautes Gemüse. Es geht darum, bewusster zu leben, die Dinge im eigenen Tempo anzugehen und Qualität in den Vordergrund zu stellen. Auch das Zuhause wird damit wieder zu dem, was es ursprünglich einmal war: ein Ort, an dem man ankommt und sein kann, wer man eben ist.
Der neue Luxus heißt Ruhe
Wer heute von wahrem Luxus spricht, meint immer seltener Marmor oder Quadratmeter. Anderes rückt in den Vordergrund: Ruhe, Zeit und das Gefühl, nicht ständig erreichbar sein zu müssen. Das Zuhause übernimmt dabei eine neue Aufgabe. Es ist kein Statussymbol (mehr). Es soll nicht beeindrucken, sondern beruhigen. Räume dürfen leiser werden, auch optisch. Weniger Farben, weniger Reize, weniger Dinge. Das bedeutet nicht Minimalismus um jeden Preis. Eine ruhige Wohnung ist nicht automatisch eine leere Wohnung. Sie ist bewusst gestaltet.
Auch Wohnpsychologen beschäftigen sich seit Langem mit der Frage, warum bestimmte Räume beruhigend wirken und andere uns unruhig machen. Ein wichtiger Faktor ist etwas, das im hektischen Alltag oft unterschätzt wird: Vertrautheit. Unser Gehirn liebt die Abwechslung, doch es mag auch das Bekannte. Nicht weil wir langweilig wären, sondern weil Bekanntes entlastet. Was vertraut ist, muss nicht ständig neu eingeordnet oder bewertet werden. Wiederkehrende Abläufe vermitteln Sicherheit, Rituale geben Orientierung und nehmen unserem Kopf Arbeit ab. Dadurch schaffen sie Platz für etwas, das heute selten geworden ist: Ruhe. Gewohnheit nicht um der Gewohnheit willen, sondern weil Verlässlichkeit etwas Beruhigendes hat.
Text: Marina Bernardi
Fotos: Nina Mair, Living Divani

